Immaterielles Kulturerbe: Welche deutschen Nominierten sind die ersten?

Ab November 2014 wird es spannend: Wie lautet die deutsche Vorentscheidung für die ersten zwei Anmeldungen zum Immateriellen Kulturerbe an die UNESCO-Zentrale in Paris?

Festspielhaus Bayreuth

Festspielhaus Bayreuth – Ein Hort der deutschen Orchestertradition und des deutschen Orchesterklanges: Bald als Kulturerbe anerkannt?

Erst seit 2013 – und damit sehr viel später als zahlreiche andere Länder – ist Deutschland Vertragsstaat des UNESCO-Übereinkommens zum immateriellen Kulturerbe. Das Übereinkommen fördert und erhält in allen Weltregionen überliefertes Wissen, Können und Alltagskulturen. Das bundesweite Verzeichnis ist ein Beitrag zur Umsetzung des Übereinkommens in Deutschland. Nominierungen für die internationalen Listen des immateriellen Kulturerbes können frühestens 2015 nach dem deutschen Auswahlverfahren bei der UNESCO in Paris eingereicht werden.

„Mit dem bundesweiten Verzeichnis gibt es erstmals eine Wertschätzung des immateriellen Kulturerbes in Deutschland. Die Bewerbungen zeigen, wie breit gefächert die Ausdrucksformen bei uns sind“, meint Christoph Wulf, Vizepräsident der Deutschen UNESCO-Kommission und Vorsitzender des Expertenkomitees Immaterielles Kulturerbe. Wissen und Können werde seit Jahrhunderten von Generation zu Generation weitergegeben. „Veränderung gehört zu diesen Kulturformen. Gelebte Traditionen sollen erhalten, fortgeführt und weiterentwickelt werden“, so Wulf.

Eine Vorauswahl aus insgesamt 128 Bewerbungen von Verbänden, Vereinen und Einzelpersonen haben die Bundesländer getroffen. Danach standen für das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes 83 Vorschläge in der engeren Wahl. Darunter sind alle Bereiche, die in dem UNESCO-Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes genannt werden: 29 Bräuche, Rituale und Feste, 19 darstellende Künste, 19 Handwerkstraditionen und 13 Formen des Wissens im Umgang mit der Natur und dem Universum. Drei Vorschläge sind mündliche Erzähltraditionen.

Anwärter sind unter anderem die Sage „Der Rattenfänger von Hameln“, der Musikinstrumentenbau im Vogtland oder der Segelflug auf der Wasserkuppe. Der Vorschlag des Deutschen Bühnenvereins, die deutscher Orchester- und Theaterlandschaft aufzunehmen, vor allem unter dem Aspekt des Ensembletheaters (Stadttheater), und der Vorschlag des Deutschen Musikrats, die deutsche Orchesterlandschaft (Orchesterklang und -tradition) zu schützen, werden inzwischen zusammengefasst behandelt.

Das Expertenkomitee Immaterielles Kulturerbe der Deutschen UNESCO-Kommission (DUK) begutachtete von Juni bis Oktober 2014 die Vorschläge und gibt Empfehlungen für das bundesweite Verzeichnis. Die Anzahl der Aufnahmen in das bundesweite Verzeichnis ist nicht beschränkt. Nach Bestätigung durch die staatlichen Stellen sollen voraussichtlich im Dezember die ersten Einträge vorgestellt werden. Am Ende der letzten Auswahlrunde stehen je zwei Vorschläge pro Bundesland, also insgesamt 32. Hinzu kommen zwei weitere, länderübergreifende Vorschläge. Aus diesen 34 Vorschlägen schließlich erfolgt die Auswahl und offizielle Anmeldung von zunächst zwei Vorschlägen für die Eintragung in das internationale UNESCO Verzeichnis.

Das ist ein langes und aufwändiges Verfahren. Was bringt es am Ende? Diejenigen zwei „siegreichen“ Vorschläge, die es als erste in das internationale Verzeichnis schaffen, erzielen damit gewiss eine große Aufmerksamkeit. Diese wird auch international wahrgenommen werden; hat man sich doch in Fachkreisen immer wieder gewundert, warum ausgerechnet Deutschland als ausgesprochenes „Kulturland“ so lange mit der Unterzeichnung dieser internationalen Übereinkunft gewartet hatte. Ein hohes Renommee für die ersten beiden „Sieger“ ist also garantiert. Was aber geschieht mit den Vorschlägen aus der Vorauswahl, die es nicht im ersten Anlauf auf die internationale Liste schaffen? Nun, sie stehen jedenfalls auf der nationalen Liste. Auch das ist immerhin schon ein wichtiges Signal. Es gibt also eigentlich keine „Sieger“ und „Verlierer“, sondern nur unterschiedlich platzierte Gewinner.

Wer sich auf der nationalen Liste wiederfindet, ragt damit aus den ursprünglich 128 Vorschlägen heraus. Bereits dadurch ist eine Anerkennung und Wertschätzung im Sinne der UNESCO-Konvention verbunden. Um die öffentliche Wahrnehmung zu stärken kommt es dann darauf an, was die Beteiligten aus diesem Status machen. Die Deutsche UNESCO-Kommission ist ebenso wie die Verbände, Bundesländer und Kommunen gut beraten, wenn auch die Eintragungen der Vorschläge auf der nationalen Liste angemessen hervorgehoben, beworben und gewürdigt werden. Ähnlich wie bei vielen UNESCO -Welterbestätten durch die Anerkennung ein Marketing- und Tourismusfaktor generiert wurde, scheint dies auch beim immateriellen Kulturerbe durchaus eine mögliche und wünschenswerte Option.

Ein weiterer Punkt kann als sicher gelten: Die durch das erstmalig in Deutschland mögliche Antragsverfahren in Gang gesetzte Debatte, was denn eigentlich ein erhaltens- und schützenswertes immaterielles Kulturerbe ist, kommt allen zu Gute. Sie hat schon jetzt ein breiteres Bewusstsein dafür geschaffen, was uns kulturelle Bräuche und Traditionen auch in Deutschland wert sein müssen. Und diese Debatte wird weitergehen, denn: nach dem Antragsverfahren ist vor dem Antragsverfahren. Die nächste Runde kommt bestimmt. Dann können alle Vorschläge, die es im ersten Anlauf nicht nach Paris geschafft haben, erneut antreten.

Gerald Mertens

Dieser Artikel erscheint auch gedruckt in „politik & kultur“ – 6/2014