OrchestermusikerIn der Zukunft? Neuer Dialog ist angestoßen

Köln – Am 27. Januar 2015 ging das zweitägige Symposium „OrchestermusikerIn der Zukunft – Ausbildung, Auswahl, Arbeitsmarkt“ zu Ende. Veranstalter waren die DOV, der Deutsche Bühnenverein und die Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen. Zum Auftakt kamen etwa 150 Besucher in die Hochschule für Musik und Tanz Köln, unter anderem aus Kanada.

Intensive Diskussionen zur Zukunft des Musikerberufs

HMT Köln: Intensive Diskussionen zur Zukunft des Musikerberufs

Über die aktuelle Lage, Perspektiven und Zukunft junger Musiker diskutierten Vertreterinnen und Vertreter von Verbänden, Gewerkschaft und Hochschulen, Intendanten, Dirigenten, und Studierende. Debatten um Zusammenlegungen von Orchestern, Kürzungen von Stellen und politische Forderungen zur bedarfsorientierten Ausbildung an den Hochschulen wie zuletzt in Baden-Württemberg hatten dazu geführt, dass die drei Institutionen zum ersten Mal gemeinsam eine solche Veranstaltung ausrichteten.

Heinz Geuen, Rektor der Kölner Hochschule, und Ute Schäfer, Ministerin für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen und Schirmherrin, eröffneten das Symposium. Die Anerkennung der Orchester- und Theaterlandschaft als Immaterielles Kulturerbe sei „eine große Ehre und große Verpflichtung“, sagte Schäfer, „Orchestermusiker haben auch eine wichtige Rolle in der kulturellen Bildung.“

Einen kenntnisreichen Überblick über die aktuelle Debatte gab Holger Noltze, Musikjournalist und Professor an der Technischen Universität Dortmund. Er betonte, dass die Pflege des Musiklebens eine öffentliche Aufgabe sei. Musik vermittle Schlüsselkompetenzen wie Zuhören oder komplexes Erfassen. Gleichzeitig müssten sich Musiker immer wieder die Frage stellen, wie sie das Publikum erreichen. „Warum sollten Menschen runter von der Couch und weg vom Fernseher? Weil sie wirkliche Menschen an einem wirklichen Ort erleben, die ihnen neue Erfahrungen ermöglichen.“

Anschließend diskutierten der DOV-Vorsitzende Hartmut Karmeier und Rolf Bolwin, Geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins, über die Beschäftigung von Musikern. Neue Konzertformate, Projekte der Musikvermittlung, verstärkte Reisetätigkeit durch Zusammenlegungen von Orchestern – die Anforderungen an die Musiker sind gewachsen. Rektoren berichteten über neue Studiengänge und -modelle, u.a. in Nürnberg. Ausführlich wurde auch über die Auswahlpraxis von Musikerinnen und Musikerinnen diskutiert. In kleinen Runden (Weltcafé) konnten die Teilnehmer ihre Ideen, Anregungen und Kritik an der gängigen Praxis von Ausbildung, Auswahl und Beschäftigung einbringen.

Zu Beginn des zweiten Tags fasste Moderator Michael Struck-Schloen diese Ideen zusammen: Während des Studiums sollten Selbst- und Gesundheitsmanagement noch wichtiger werden. Es habe sich herauskristallisiert, dass das Probespiel reformbedürftig sei, sagte Struck-Schloen. Musiker wünschten zum Beispiel ein weniger strenges Repertoire und mehr Raum für persönliche Gespräche. Im Berufsalltag ginge es um Wertschätzung, gerechte Bezahlung oder den Mut, bei der Gestaltung der Programme Neues zu wagen, zum Beispiel Clubkonzerte. Angeregt wurde auch die Erstellung von Anforderungsprofilen für Orchester.

Anschließend stellten Studierende die Ergebnisse einer Umfrage unter den Ensemblemitgliedern der Jungen Deutschen Philharmonie vor. Ein wichtiges Ergebnis: Sechzig Prozent sind zuversichtlich, in Zukunft als Musiker ihre finanzielle Lebensgrundlage bestreiten zu können.

Die folgende Diskussion zwischen Studierenden, die in der Jungen Deutschen Philharmonie Erfahrungen sammeln, nahm das Publikum ausgesprochen lebhaft auf. Daraus entwickelte sich ein Austausch zwischen den Studierenden und Rektoren, Orchesterchefs sowie Verbandsvertretern. Im Vordergrund standen die Motivation des Musizierens in Hochschulorchestern, die Praxis des Probespiels, das Lehrangebot während der Ausbildung und der Berufsalltag im Orchester.

In der Abschlussdebatte wies Dr. Christoph Dittrich, Generalintendant des Chemnitzer Theaters, angesichts der schwierigen Finanzlage vieler Kommunen auf die Herausforderung einer auskömmlichen Finanzierung von Orchestern und Theatern hin. Dirk Kaftan, Generalmusikdirektor in Graz, berichtete von seinem Anliegen, mit Musikern ins Gespräch zu kommen, zum Beispiel durch die Gründung der Arbeitsgruppe Graz 2030 oder gemeinsames Nachdenken über eine Zukunftsvision für das Orchester.

Hartmut Karmeier, DOV-Geschäftsführer Gerald Mertens, Rolf Bolwin und Prof. Dr. Susanne Rode-Breymann als Vertreterin der Hochschulrektoren waren sich einig, dass dieses Symposium ein gelungener Einstieg in die gemeinsame Debatte war. Gerade weil das Berufsbild des Orchestermusikers stark in Bewegung sei und mitunter unterschiedliche Auffassungen existieren, würde der begonnen Dialog fortgesetzt.

Konzertmarkt in Deutschland stabil – Immer mehr Kinder- und Jugendkonzerte

Die Deutsche Orchestervereinigung hat am 20. Januar 2015 in Berlin  die aktuelle Konzertstatistik vorgestellt. Die Daten werden alle zwei Jahre bundesweit bei den Konzert- und Opernorchestern sowie Rundfunkensembles erhoben. Vor allem die Zahl der musikpädagogischen Veranstaltungen stieg stark an: In der Saison 2013/14 gab es 4.160 Konzerte und Musikvermittlungsangebote für Kinder und Jugendliche. Das sind 94 Prozent mehr als vor zehn Jahren, im Vergleich zur letzten Erhebung 10,8 Prozent. „Das zeigt, wie ernst Orchester die Bildungsarbeit nehmen“, sagt DOV-Geschäftsführer Gerald Mertens.

Leipziger Gewandhaus: Einer von vielen gut besuchten Konzertorten in Deutschland

Leipziger Gewandhaus: Einer von vielen gut besuchten Konzertorten in Deutschland

Das Gesamtangebot in der Saison 2013/14 war mit rund 12.300 Veranstaltungen um rund zwei Prozent leicht rückläufig im Vergleich zur Saison 2011/12. Die Zahl der Kammerkonzerte stieg hingegen von 1.212 auf 1.257. Insgesamt ist eine Verschiebung von Sinfoniekonzerten zu mehr Angeboten für Kinder und Jugendliche zu beobachten. Die Meldungen der Konzerthäuser und Orchester über ihre Auslastung waren zuletzt positiv. In Deutschland existiert allerdings keine übergreifende Besucherstatistik. Deshalb werden Besucher vieler Klassik-Open-Airs, von Musikfestivals, Kirchenkonzerten und Klassik-Cross-Over-Konzerten kommerzieller Anbieter bislang nicht erfasst.

Ein besonderer Erfolg war die Aufnahme der Orchester- und Theaterlandschaft in das neue bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes im Dezember 2014. Das Verzeichnis führt die Deutsche UNESCO-Kommission. Für einen Eintrag hatte sich auch die DOV seit dem Jahr 2008 eingesetzt. Mertens: „Im nächsten Schritt geht es um die Aufnahme in die internationale Liste.“

Willkommenskonzerte für Flüchtlinge – Orchester engagieren sich

Angesichts der zahlreichen weltweiten Kriege und Krisengebiete kommen momentan so viele Flüchtlinge nach Deutschland wie seit langem nicht mehr. In den Erstunterkünften bleibt ein geordneter Alltag in weiter Ferne. Um das Warten und die Langeweile zu durchbrechen, beginnen Theater und Orchester, Flüchtlinge zu Konzerten und anderen Veranstaltungen einzuladen. Für viele sind nicht nur die musikalischen Eindrücke ein besonderes Erlebnis, sondern auch ein Beweis menschlicher Wertschätzung. Orchester und Theater leisten damit einen Beitrag zur aktuellen gesellschaftlichen Debatte.

BR-Konzert für Flüchtlingskinder und deren Familien

BR-Konzert für Flüchtlingskinder und deren Familien

Als eines der ersten Orchester veranstaltete das Münchner Rundfunkorchester bereits im Oktober vergangenen Jahres ein Familienkonzert für Flüchtlingskinder (Foto: BR). Dolmetscher für mehrere Sprachen waren anwesend. Die Veranstaltung fand ein großes Echo bei den Eingeladenen und in den Medien.

Die Erzgebirgische Philharmonie Aue wird am 29. Januar 2015 ein Konzert für Flüchtlingskinder in der Erstaufnahmeunterkunft in Schneeberg im Erzgebirge geben. Auf dem Programm steht unter anderem der erste Satz der Kindersinfonie. Musiker werden auch einzelne Instrumente vorstellen.

Die Stiftung Berliner Philharmoniker und IPPNW-Concerts werden am 22. Februar 2015 ein Benefizkonzert für Flüchtlinge veranstalten. Mitglieder des Berliner Spitzenorchesters gestalten gemeinsam mit Gästen das Programm. Auch Flüchtlinge, denen der Erlös des Konzerts zugutekommt, werden über ihre Situation berichten.

Andere Orchester planen gerade. Das Philharmonische Orchester Trier zum Beispiel will ein Konzert für Flüchtlingskinder im Rahmen seines Kinder-Education-Programms veranstalten. Und in Dresden-Hellerau können Flüchtlinge bzw. Asylbewerber Veranstaltungen im Festspielhaus kostenlos besuchen.

In diesem Video bekommen Sie einen Eindruck vom Konzert des Münchner Rundfunkorchesters vom 29. Oktober 2014 in München.

„Hört doch endlich auf zu jammern?“

… mit dieser Überschrift veröffentlichte die Wochenzeitschrift ZEIT am 12. Januar 2015 Tagen einen Beitrag von Volker Hagedorn, der darin der Klassikbranche empfahl, doch endlich mit dem Jammern aufzuhören. Natürlich gebe es Gründe, natürlich müsse die Klassikszene kämpfen, „gegen Orchesterschließungen, für bessere Dozentenbedingungen, um das Publikum, für viel mehr aktuelle Musik“ usw. Aber, so Hagedorn, müsse man nicht endlich die positiven Strömungen benennen, statt andauernd zu klagen?

Zum Beispiel Bayreuth - Deutsche Klassikszene im Jammertal!?

Zum Beispiel Bayreuth – Deutsche Klassikszene im Jammertal!?

Die Zahl der Konzertbesucher steige, ebenso wie die Zahl der Konzerte, Konzerthäuser seien gut ausgelastet auch die Tonträgerindustrie befinde sich auf dem Weg der Besserung. Hagedorn fordert: „Bloß nicht dem Rechtfertigungsdruck nachgeben… Wer Beweise sammelt, hat erst recht verloren, der begibt sich nämlich in die Legitimierungsdruckkammer. Dort muss die Klassik erklären, warum sie klasse ist, nötig und begehrt und jeden Cent wert…“ Musiker sollten vielmehr selbstbewusst und öffentlich für ihre Kunst eintreten. Vielleicht müsse die Klassik „wohl mal Boxen üben, um sich das Jammern abzugewöhnen.“

Wer den ganzen Artikel nachliest, wird ihn im Ergebnis wahrscheinlich mit einem „Einerseits – Andererseits“ bewerten. Einerseits sind die gravierenden Einschnitte und Strukturveränderungen in der deutschen Theater- und Orchesterlandschaft in den letzten Jahren eine nackte Tatsache. Andererseits gibt es so viele positive Neuentwicklungen im Bereich der Musikvermittlung, bei neuen Konzertformaten, bei innovativen Aktivitäten von Theatern und Orchestern, bei der Auslastung von Konzert- und Opernhäusern, dass die Szene in der Tat gut beraten sein könnte, das allgemeine Wehklagen einzustellen.

Einerseits: aus der journalistischen Wärmestube eines Feuilletonisten schreibt es sich ganz locker darüber, wie sich die Protagonisten der Klassikszene neu aufstellen sollten. Andererseits: die Mühen der Ebene, die Diskussionen mit Landes- und Kommunalpolitikern um eine auskömmliche Kulturfinanzierung oder – noch schlimmer – die Diskussionen mit Politikern, die die Theater- oder Orchester ohne jedwede persönliche Empathie als bloße und überflüssige Kostenfaktoren gerne zusammenstreichen und abwickeln wollen, blendet der Journalist Hagedorn aus.

Einerseits: Wer vom Weltbild eines gebildeten und wissenden, vernünftigen „homo politicus“ ausgeht, kann so argumentieren wie Hagedorn. Andererseits: Wer allerdings mit einem Kulturpolitiker spricht, dem man erst die Wirkung von klassischer Musik und die Funktion eines Orchesters erklären muss, weil er nichts Näheres davon weiß, der ist schon wieder in der Erklärungsecke und damit nahe an der Rechtfertigung.

Im Ergebnis ist die Forderung, mit dem Jammern aufzuhören grundsätzlich richtig, da sie ein dauerhaft schlechtes Bild auf eines der schönsten Tätigkeitsfelder wirft, das man sich als Musiker vorstellen kann, nämlich das von klassischer Musik und Oper. Das Ziel ist also richtig beschrieben, nur der Weg dahin ist nicht geradlinig. Jeder einzelne Musiker, der überzeugt von seinem Beruf ist, darf sich auch dazu berufen fühlen, jedem Dritten, seinen Freunden, seinen Nachbarn, aber auch den für ihn zuständigen Politikern, persönlich, emotional und anfassbar deutlich zu machen, welchen Wert Musik für ihn hat und für die gesamte Gesellschaft haben muss.

Steigendes Interesse an klassischer Musik

Seit Jahrzehnten werden in vielen Medien der „Tod der Klassik“ und die Überalterung oder gar das Aussterben des Opern- und Konzertpublikums prophezeit. Diese Prophezeiungen haben sich jedoch auch durch ständiges Wiederholen nicht erfüllt.

Im Gegenteil: Aktuelle Auslastungszahlen und Meldungen über Besucherrekorde belegen, dass Oper und Konzert beliebter sind denn je. So meldete die Stiftung Berliner Philharmoniker für das Wirtschaftsjahr 2014 im Großen Saal der Philharmonie eine Auslastung bei den bezahlten Karten von 94%; die Gesamtauslastung betrug 97%. Im Kammermusiksaal gab es 71% Auslastung bei den bezahlten Plätzen, die Gesamtauslastung betrug 75%.

Festspiele MV 2014: Berliner Philharmoniker mit Gustavo Dudamel in Redefin (C) Geert Maciejewski

Festspiele MV 2014: Berliner Philharmoniker mit Gustavo Dudamel in Redefin (C) Geert Maciejewski

Auch das Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin setzt mit der Bilanz für das Jahr 2014 den Aufwärtstrend fort: die durchschnittliche Auslastung der Veranstaltungen stieg weiter, um 2,4% auf nunmehr 82,6 %.

Die Berliner Staatsoper erreichte im Kalenderjahr 2014 im Schiller Theater eine Rekordauslastung von 89 % (2011: 82 %, 2012: 88 %, 2013: 88 %). Insgesamt 254.000 Besucher kamen zu den Vorstellungen und Konzerten, davon 185.000 Besucher zu 332 Veranstaltungen in Berlin, 27.000 Besucher zu den internationalen Gastspiel-Konzerten der Staatskapelle Berlin in Barcelona, Dresden, Helsinki, Köln, Madrid, Paris, Wien, Wiesbaden und Yerevan sowie 42.000 Besucher zum Open-Air-Konzert der Staatskapelle Berlin unter dem Motto »Staatsoper für alle« auf dem Bebelplatz.

Mehr als 80.000 Menschen besuchten 2014 die rund 150 Veranstaltungen der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern und bescherten auch dem Festival ein Rekordjahr. Die Neujahrskonzerte lockten über 700 Besucher ins Schloss Ulrichshusen. Der Festspielfrühling Rügen im März zog 4.400 Kammermusikfans auf Deutschlands größte Insel und verzeichnete damit ebenso einen Besucherrekord wie die Sommersaison, deren 127 Veranstaltungen von mehr als 73.000 Menschen besucht wurden. Rund 2.500 Besucher ließen das Jahr 2014 bei den Adventskonzerten in Ulrichshusen und Stolpe musikalisch ausklingen.