„Hört doch endlich auf zu jammern?“

… mit dieser Überschrift veröffentlichte die Wochenzeitschrift ZEIT am 12. Januar 2015 Tagen einen Beitrag von Volker Hagedorn, der darin der Klassikbranche empfahl, doch endlich mit dem Jammern aufzuhören. Natürlich gebe es Gründe, natürlich müsse die Klassikszene kämpfen, „gegen Orchesterschließungen, für bessere Dozentenbedingungen, um das Publikum, für viel mehr aktuelle Musik“ usw. Aber, so Hagedorn, müsse man nicht endlich die positiven Strömungen benennen, statt andauernd zu klagen?

Zum Beispiel Bayreuth - Deutsche Klassikszene im Jammertal!?

Zum Beispiel Bayreuth – Deutsche Klassikszene im Jammertal!?

Die Zahl der Konzertbesucher steige, ebenso wie die Zahl der Konzerte, Konzerthäuser seien gut ausgelastet auch die Tonträgerindustrie befinde sich auf dem Weg der Besserung. Hagedorn fordert: „Bloß nicht dem Rechtfertigungsdruck nachgeben… Wer Beweise sammelt, hat erst recht verloren, der begibt sich nämlich in die Legitimierungsdruckkammer. Dort muss die Klassik erklären, warum sie klasse ist, nötig und begehrt und jeden Cent wert…“ Musiker sollten vielmehr selbstbewusst und öffentlich für ihre Kunst eintreten. Vielleicht müsse die Klassik „wohl mal Boxen üben, um sich das Jammern abzugewöhnen.“

Wer den ganzen Artikel nachliest, wird ihn im Ergebnis wahrscheinlich mit einem „Einerseits – Andererseits“ bewerten. Einerseits sind die gravierenden Einschnitte und Strukturveränderungen in der deutschen Theater- und Orchesterlandschaft in den letzten Jahren eine nackte Tatsache. Andererseits gibt es so viele positive Neuentwicklungen im Bereich der Musikvermittlung, bei neuen Konzertformaten, bei innovativen Aktivitäten von Theatern und Orchestern, bei der Auslastung von Konzert- und Opernhäusern, dass die Szene in der Tat gut beraten sein könnte, das allgemeine Wehklagen einzustellen.

Einerseits: aus der journalistischen Wärmestube eines Feuilletonisten schreibt es sich ganz locker darüber, wie sich die Protagonisten der Klassikszene neu aufstellen sollten. Andererseits: die Mühen der Ebene, die Diskussionen mit Landes- und Kommunalpolitikern um eine auskömmliche Kulturfinanzierung oder – noch schlimmer – die Diskussionen mit Politikern, die die Theater- oder Orchester ohne jedwede persönliche Empathie als bloße und überflüssige Kostenfaktoren gerne zusammenstreichen und abwickeln wollen, blendet der Journalist Hagedorn aus.

Einerseits: Wer vom Weltbild eines gebildeten und wissenden, vernünftigen „homo politicus“ ausgeht, kann so argumentieren wie Hagedorn. Andererseits: Wer allerdings mit einem Kulturpolitiker spricht, dem man erst die Wirkung von klassischer Musik und die Funktion eines Orchesters erklären muss, weil er nichts Näheres davon weiß, der ist schon wieder in der Erklärungsecke und damit nahe an der Rechtfertigung.

Im Ergebnis ist die Forderung, mit dem Jammern aufzuhören grundsätzlich richtig, da sie ein dauerhaft schlechtes Bild auf eines der schönsten Tätigkeitsfelder wirft, das man sich als Musiker vorstellen kann, nämlich das von klassischer Musik und Oper. Das Ziel ist also richtig beschrieben, nur der Weg dahin ist nicht geradlinig. Jeder einzelne Musiker, der überzeugt von seinem Beruf ist, darf sich auch dazu berufen fühlen, jedem Dritten, seinen Freunden, seinen Nachbarn, aber auch den für ihn zuständigen Politikern, persönlich, emotional und anfassbar deutlich zu machen, welchen Wert Musik für ihn hat und für die gesamte Gesellschaft haben muss.

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