„art but fair“ – Lichtblick oder Strohfeuer? Oder: Warum Künstler sich organisieren.

Wenn man an die wirtschaftliche und soziale Situation selbstständiger Künstlerinnen und Künstler denkt, namentlich im Bereich der darstellenden Kunst, fallen einem Stichworte ein, wie z.B. geringe Gage, unstetige Beschäftigung, Selbstausbeutung, soziale Abhängigkeit, drohende Altersarmut. Man denkt an Musicaldarsteller, Tänzer, Sänger, Schauspieler und Musiker. Und vielleicht denkt man auch noch an den „Markt“, also Veranstalter, Produzenten, kommerzielle Musicals, private und öffentliche Bühnen. An das Publikum, das im kommerziellen Kunstbetrieb, vor allem im Musicalbereich, bereit ist, vergleichsweise hohe Eintrittspreis zu zahlen, denkt man in der Regel nicht. Und auch Themen wie Spartengewerkschaften oder Tarifeinheit werden einem in diesem Zusammenhang zunächst kaum in den Sinn kommen. Allerdings lohnt es sich durchaus, gedanklich genau diese Brücke zu schlagen.

Art_but_Fair

Denn die aktuelle politische Diskussion um die Begrenzung des zuletzt immer weiter gewachsenen Einflusses von Spartengewerkschaften durch die Neujustierung der Tarifeinheit ist ein Reflex. Eine Reaktion darauf, dass sich Angehörige bestimmter spezialisierter Berufsgruppen, in der öffentlichen Wahrnehmung allen voran die Piloten, Lokführer und Ärzte, zu extrem gut organisierten Fachgewerkschaften zusammengeschlossen haben. Sie haben dies getan, weil sie ihre ganz spezifischen beruflichen und sozialen Interessen nach dem alten Motto „Einigkeit macht stark“ gegenüber ihren Arbeitgebern, den Flug- und Bahngesellschaften, den Krankenhäusern und der öffentlichen Hand, durchsetzen wollen. Und sie haben sich auf abgegrenzte Berufsbilder eines Piloten, Lokführers oder Arztes und dessen konkrete Belange spezialisiert. Wenn man die großen Gewerkschaften als schwerfällige Tanker bezeichnen würde, die die Interessen der Beschäftigten von sehr heterogenen Bereichen vertreten (müssen), wären die Spartengewerkschaften kleine, aber kraftvolle Schnellboote.

Was hat das nun mit der sozialen Lage selbstständiger Künstler zu tun? Schaut man sich im Kunst- und Musikbetrieb näher um, stellt man bald fest, dass es einzelne Bereiche gibt, in denen die Künstler schon vor vielen Jahrzehnten, teilweise bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ihre Interessen in Arbeitnehmervereinigungen gebündelt haben, lange bevor es den Begriff „Spartengewerkschaft“ überhaupt gab. Das betrifft vor allem professionelle Sänger und Schauspieler, Chorsänger und Bühnentänzer an öffentlichen Bühnen, aber auch Orchestermusiker. Diese Berufsgruppen haben sich in jahrzehntelangen Auseinandersetzungen mit einzelnen Arbeitgebern oder Arbeitgeberverbänden tarifliche Arbeits- und Vergütungsbedingungen erkämpft, die sich einerseits an den Bedingungen des öffentlichen Dienstes orientieren, andererseits die spezifische künstlerische Arbeitssituation auf, vor und hinter der Bühne berücksichtigen. Diese Künstler sind ganz überwiegend abhängig beschäftigt und genießen aufgrund der für sie geltenden Tarifverträge eine gewisse soziale Absicherung. Diese wiederum ist für die Orchestermusiker mit überwiegend unbefristeten Arbeitsverträgen besser ausgestaltet als für Bühnenangehörige überwiegend befristeten Verträgen.

Warum ist das so? Orchestermusiker, die sich in Betrieben gewerkschaftlich engagieren, müssen nicht befürchten deswegen gekündigt zu werden; dagegen steht das deutsche Arbeitsrecht. Solisten, also Sänger oder Schauspieler, die Ensemblemitglied eines Theaters sind und sich dort gewerkschaftlich engagieren, laufen Gefahr, dass ihr Engagement „aus künstlerischen Gründen“ nicht verlängert wird, sollten sie „zu unbequem“ werden. Dieses unterschiedliche „soziale Bedrohungspotenzial“ der Mitglieder von Künstlergewerkschaften führt zu einem unterschiedlichen Organisationsgrad und damit zu einem unterschiedlichen Durchsetzungsvermögen der jeweiligen Verbände.

Selbstständige Künstler sind in der Regel „Einzelkämpfer“. Ausnahmen gibt es auch dort, nämlich wenn sie aus künstlerischen Gründen zwingend als Kollektiv, also als Musicalorchester oder als Chor- und Tanzgruppe, eingesetzt werden. Wer aber als Solist (Sänger, Schauspieler, Tänzer) tätig ist, hat bei der Verhandlung seines Engagements die schwächste Position. Diese wiederum ist abhängig a) von seinem Marktwert und b) dem Angebot an vergleichbaren Kräften. Eine bekannte Sängerin oder ein prominenter Schauspieler können in Verhandlungen mit einem Veranstalter naturgemäß bessere Gagen- und Auftrittsbedingungen durchsetzen als Berufsanfänger oder jederzeit austauschbare Gruppentänzer und -darsteller. Letztere haben kaum Möglichkeiten, Druck auf die andere Seite auszuüben, um bessere Bedingungen für sich zu erreichen.

Die öffentliche Anprangerung und Wahrnehmbarmachung „skandalöser Gagen- und unverschämter Auditionverhältnisse“ in den vergangenen zwei Jahren ist gewiss ein Verdienst von „art but fair“, vor allen Dingen in Österreich und Deutschland. Allerdings ist die Halbwertzeit der zu Beginn dieser Bewegung erzeugten öffentlichen Skandalisierung unzumutbarer Beschäftigungs- und Vergütungsbedingungen erkennbar begrenzt. Auch die anfängliche Euphorie betroffener Künstler und der Medien ist einer gewissen Ernüchterung gewichen. Der Versuch, gewisse soziale Standards für selbstständige Künstler in Form „goldener Regeln“ oder einer „Selbstverpflichtung“ zu etablieren, bleibt zunächst einmal ein Versuch. Dieser könnte ansatzweise dann gelingen, wenn die einschlägigen Veranstalter und Produzenten durch Öffentlichkeit, Medien, das Publikum oder den Gesetzgeber so stark unter Druck geraten, dass sie gar nicht mehr anders können, als soziale Verbesserungen für selbstständige Künstler einzuführen. Das aber ist ein steiniger Weg.

Letztlich ist es eine Frage der Evolution: Spartengewerkschaften sind durchsetzungsstark, weil sie eine hohe Konzentration gleichartiger Interessen bei einem hohen Organisationsgrad ihrer Mitglieder gegenüber Arbeitgebern positionieren. Wäre die Selbstverpflichtung hierfür noch besser geeignet, hätten Spartengewerkschaften sie bestimmt schon für sich entdeckt und eingesetzt. Eines aber ist auf jeden Fall klar: selbstständige Künstler werden wie alle anderen Berufsgruppen nur dann eine Chance auf Durchsetzung ihrer in der Sache vollkommen berechtigten sozialen Interessen haben, wenn auch sie sich gut organisieren, einen eigenen schlagkräftigen Verband aufbauen oder sich bereits bestehenden Gruppierungen, die ihren Interessen nahe stehen, anschließen.

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