Selten waren Weihnachtszeit und Jahreswechsel musikalisch so still wie in diesen Tagen. Keine Weihnachtskonzerte, kein Chorgesang in Gottesdiensten, keine Silvester- oder Neujahrskonzerte vor Publikum. Der zweite Corona-Lockdown seit Anfang November 2020 trifft erneut mit voller Wucht Konzert- und Opernhäuser, Theater und sonstige Veranstalter, aber auch die Musikhochschulen. Alle suchen für sich nach Perspektiven für 2021: die Mitglieder der Orchester und Rundfunkklangkörper, die freischaffenden Musikerinnen und Musiker, die Lehrbeauftragten und die Studierenden.

Eine trostlos erscheinende Lage: Bedeutet diese Zeit für die meisten Künstlerinnen und Künstler in normalen Zeiten doch Vollbeschäftigung im wahren Sinne des Wortes, fühlen sich jetzt viele eher im ungewollten Urlaub. Wer nicht fest angestellt ist, wird zunehmend auch von Existenzängsten geplagt, je länger die pandemiebedingten Einschränkungen andauern. Auch ein ganzer Absolventenjahrgang junger Musikerinnen und Musiker steht gegenwärtig vor verschlossenen Türen, da bei Orchestern kaum noch Probespiele stattfinden. Orchester, die nicht spielen, benötigen keine Aushilfen. Abgesagte Orchester-Projekte schaffen weder Umsatz noch Beschäftigung.

Erste Entwicklungen für den gesamten Musikbetrieb auf dem Weg ins Jahr 2021 sind jedoch absehbar und vorsichtige Prognosen möglich. Angesichts hoher Sterbezahlen und Inzidenzwerte dürfte der Lockdown für den Musikbetrieb jedenfalls noch bis Ende Februar andauern. Bis dahin gilt es weiter durchzuhalten. Erst wenn im beginnenden Frühjahr die Impfquoten und Testkapazitäten weiter steigen, Sterberaten und Inzidenzwerte signifikant sinken, werden erste Lockerungen möglich sein. Positiv zu bewerten ist, dass die Kulturminister der Länder gemeinsam bereits daran arbeiten, realistische Öffnungsszenarien für Kulturbetriebe zu entwickeln. Hierauf werden sich Orchester, Theater, Konzert- und Opernhäuser unter fortlaufender Berücksichtigung der Abstands- und Hygieneregelungen einstellen müssen. Denn ihr komplexer und in sich verzahnter Betrieb lässt sich nicht von heute auf morgen wieder hochfahren.

Erneut wird es auch um die Frage gehen, wie viel Publikum letztlich zugelassen werden kann. Es wird erneut darum gehen, für mehr Augenmaß bei der Ermöglichung von Aufführungen und Auftritten und die Zulassung von Publikum im Rahmen bewährter Hygienekonzepte zu werben. Auch hier ist positiv anzumerken, dass der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda nunmehr seit einigen Monaten auch Präsident des Deutschen Bühnenvereins ist. In dieser Doppelrolle als Kulturpolitiker und Verbandspräsident darf von ihm erwartet werden, sich besonders dafür einzusetzen, dass bei Orchestern und Theater das Vertretbare auch ermöglicht wird. Denn an der Planbarkeit und Planungssicherheit hängen nicht nur die öffentlich geförderten Institutionen, sondern auch private Veranstalter, Künstler- und Konzertagenturen, Projektorchester, freischaffende Musikerinnen und Musiker. Realistische Neuplanungen mit entsprechendem Vorlauf scheinen erst für die Saison 2021/22 möglich. Bis dahin bleibt hohe Flexibilität gefragt.

Die gesamte private Veranstaltungsbranche ist faktisch seit Frühjahr 2020 fast auf null heruntergefahren. Noch ist offen, wie viele kleinere Betriebe und Selbstständige den Lockdown am Ende überleben werden. Besonders großes Augenmerk ist auf die Festspiel- und Open-Air-Saison 2021 zu legen. Was nur irgendwie möglich ist, sollte ins Freie verlegt werden, um endlich wieder möglichst viele Menschen mit Livemusik und -vorstellungen erreichen zu können. Ausfallgarantien der öffentlichen Hand können hier eine wichtige Unterstützung sein.

Außerdem gilt es, Konzepte und Forderungen zu entwickeln, mit denen die Finanzierung der öffentlichen Kulturbetriebe, der Orchester und Theater, in den kommenden Jahren so abgesichert wird, dass dieser Sektor in zu befürchtenden Kürzungswellen der Kommunen aufgrund von Steuerausfällen möglichst unbeschädigt bleibt. Zweckgebundene Bundeshilfen, direkt an die Kommunen gerichtet, wären hier das Mittel der Wahl. Die Bundestagswahl und mehrere Landtagswahlen sind geeignete Anlässe, entsprechende Forderungen zu erheben. „Corona überlebt, dann zurechtgestutzt oder abgewickelt“, kann keine politisch akzeptable Lösung sein. Das gleiche gilt auch für die Finanzierung der freien Szene und die Überbrückungshilfen von Bund und Ländern für den Musikbetrieb und die gesamte Veranstaltungsbranche.

Es gibt also einiges zu tun im Jahr 2021.

Gerald Mertens