Orchester müssen immer wieder ihre eigene Geschichte erzählen

Hinter jedem Orchester steht eine einzigartige Geschichte mit wiederum vielen kleinen Geschichten und Anekdoten. Das Geschichtenerzählen, im Marketingsprech: „story telling“ genannt, wird heute immer wichtiger; gerade bei der Kommunikation über die sozialen Medien wie Facebook, Youtube und Twitter.

Entscheidend für den nachhaltigen Erfolg von story telling ist die glaubwürdige Umschreibung des Markenkerns. Wofür steht das Orchester? Was ist seine Einzigartigkeit? Wodurch lässt sie sich authentisch darstellen? Was ist die „core story“, die Hauptgeschichte und wesentliche Botschaft, von der sich alle anderen Botschaften (und kleinere Geschichten) nach dem Modell eines alten Baumes mit seinem Stamm, vielen Ästen und unzähligen Blättern ableiten?

 

Das Beispiel der Bamberger Symphoniker, die sich aus Anlass ihres 70jährigen Jubiläums in 2016 Jahr auf ihre böhmischen Wurzeln in Prag besonnen haben, zeigt sehr gut, wie eine core story funktioniert. Da wird in einem 15-Minuten-Video die Konzertreise der Bamberger Symphoniker nach Prag (unterlegt von Mahlers 1. Sinfonie) zur Entdeckung der eigenen Geschichte, der Wurzeln und des eigenen Klangideals.

Eine perfekte Vorbereitung zum Weitererzählen dieser Geschichte, nachdem der neue, erst 35 Jahre alte, aus Tschechien stammende Chefdirigent Jakub Hrůša im Sommer dieses Jahres das Orchester übernommen hat. Da lassen sich dann auch in Zukunft viele weitere Geschichten rund um das Orchester und seine Musiker erzählen, die auf dieser core story aufbauen.

Wie Orchester mit Musik ein Beitrag zur Integration leisten können

Am 14. Mai 2016 fand in Nordsachsen der zweite Integrationstag der Sächsischen Bläserphilharmonie mit ihrem Chefdirigenten Thomas Clamor unter dem Titel „(Noten-)Schlüssel zur Integration“ in Grimma statt.

Der Einladung zur musikpädagogischen Willkommensfeier des Landkreises Leipzig und der Stadt Grimma folgten rund 300 Asylsuchende und Flüchtlinge aus dem Landkreis Leipzig. Flüchtlingsfamilien bekamen die Chance, sich im Rahmen eines Instrumentenkarussells an einem Instrument auszuprobieren oder auf bereits vorhandene Instrumentenkenntnisse aufzubauen. Unter Anleitung der Mitglieder der Sächsischen Bläserphilharmonie probten die Teilnehmer an den Instrumenten, um mit anderen Instrumentalisten der Region ein Konzert am Nachmittag zu gestalten.

Dazu wurde im Auftrag des Orchesters ein Kurzfilm erstellt, der das Projekt vorstellt und der hier angeschaut werden kann.

Weitere Informationen zum Projekt „(Noten-)Schlüssel zur Integration“ sind auf der Orchester-Homepage unter http://www.saechsische-blaeserphilharmonie.de/orchester/notenschluessel-zur-integration.html zusammengestellt.

 

Orchester in Deutschland – ein Überblick

Die Orchesterszene in Deutschland ist in ihrer Tradition und Vielfalt weltweit einzigartig. Wussten Sie zum Beispiel, dass das älteste, bis heute durchgängig existierende deutsche Orchester bereits 1502 gegründet wurde? Oder dass die deutsche Orchester- und Theaterlandschaft seit Dezember 2014 auf der nationalen Liste des immateriellen Kultuerbes der Deutschen UNESCO Kommission steht?

Aktuelle Orchesterstrukturkarte (c) DMR-MIZ

Aktuelle Orchesterstrukturkarte (c) DMR-MIZ

Hierüber und über zahlreiche andere Fakten, Zahlen und Entwicklungen der Orchesterlandschaft veröffentlicht das Deutsche Musikinformationszentrum in Bonn einen regelmäßig aktualisierten Fachartikel sowie Zahlentabellen und Grafiken.

Der Überblick über die deutsche Orchesterlandschaft wurde gerade zum 1. Juni 2016 neu überarbeitet und ist hier zu finden: http://www.miz.org/static_de/themenportale/einfuehrungstexte_pdf/03_KonzerteMusiktheater/mertens.pdf

 

Studierendenprotest der HfM FRANZ LISZT Weimar gegen Abbau von Orchester- und Theaterstellen

Als Reaktion auf das Thesenpapier „Perspektive 2025“ von Prof. Benjamin-Immanuel Hoff, Minister für Kultur, Bundes- und Europaangelegenheiten und Chef der Thüringer Staatskanzlei, führen die Studierenden der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar seit Dezember 2015 eine Postkartenaktion durch.

Und ab geht die Post! (c) StuRa HfM Weimar

Und ab geht die Post! (c) StuRa HfM Weimar

Circa 300 rote Karten mit dem Slogan „sind wir kunst oder können wir weg?“ wurden seither an die Staatskanzlei verschickt. Auf der Rückseite der Postkarte ist die Positionierung der Studierendenschaft zu lesen. Sie beinhaltet die Forderung an Thüringens Kulturminister, die Pläne zur Umstrukturierung der Orchester- und Theaterlandschaft zu überdenken. Jeder der Studierenden, der bisher eine Postkarte unterschrieben und an Minister Hoff geschickt hat, fordert von Thüringens Kulturminister „mehr Mut zur Investition in Kultur sowie ein klares Bekenntnis zur Notwendigkeit von Kultur und kultureller Bildung in unserer Gesellschaft“.
Mit der Postkartenaktion und der Frage „sind wir kunst oder können wir weg?“ möchten die Studierenden auf den bedrohten Stellenwert von Kunst und Kultur in der Gesellschaft aufmerksam machen. Sie weisen auf die durch Orchester- und Theaterfusionen gefährdete berufliche Zukunft von Künstlern und Kulturschaffenden in Thüringen hin. Es ist ein Aufschrei über die Perspektiven in diesem Land: „Sie berauben uns unserer Zukunft und Identität!“, heißt es. Zudem betonen die Studierenden die Bedeutung des Deutschen Nationaltheaters für den Studienstandort Weimar und die Ausbildung an der dortigen Musikhochschule.

Die Postkartenaktion umrahmt den offenen Brief der Studierenden, der im Dezember an Minister Hoff ging und in dem ihre Positionierung und ihre Forderungen ausführlicher erläutert werden. Bisher hat circa die Hälfte aller Studierenden der HfM FRANZ LISZT Weimar eine Postkarte abgeschickt. Ziel ist, dass die rote Kartenflut in der Staatskanzlei nicht abebbt, bis alle Studierenden teilgenommen haben.

Weihnachtswunsch: Mehr Kulturpolitik mit Weitblick statt vorauseilender Gehorsam

Die Kulturpolitik einzelner Bundesländer schadet vor allem Orchestern und Theatern. Zu vielen Politikern fehlt die Empathie für das, was Orchester und Musik in der Gesellschaft bewirken. Der Berliner Zeichner Thilo Krapp nimmt erneut in diesem Sinne und aus aktuellem Anlass den Thüringer Kulturminister Benjamin Immanuel Hoff aufs Korn…

TK_Vorsorglicher_Stellenabbau

Dagegen stehen die weitblickenden Aussagen des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zur Kulturverantwortung der öffentlichen Hand wie ein Fels in der Brandung. Diese Aussagen und Bekenntnisse kann man nicht oft genug wiederholen und weiter verbreiten. Das wünschen wir uns (nicht nur) zu Weihnachten.

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Ausübende Künstler fair bezahlen: Petition unterzeichnen

Glauben Sie, dass ausübende Künstlerinnen und Künstler fair bezahlt werden sollten? Wenn ja, können Sie dabei helfen: Unterzeichnen Sie einfach die Petition der Kampagne Fair Internet for Performers und teilen Sie sie mit Freunden und Kollegen über Ihre Social Media-Netzwerke. Nur das Bewusstsein für eine faire Bezahlung schafft den nötigen Rechtsrahmen für ausübende Künstler in Europa.

Cartoon fair internet campaign

Zu den Organisatoren der Kampagne gehört die internationale Musikergewerkschaft FIM.

Weitere Informationen zur Petition und das Formular zum Unterzeichnen finden Sie hier.

„art but fair“ – Lichtblick oder Strohfeuer? Oder: Warum Künstler sich organisieren.

Wenn man an die wirtschaftliche und soziale Situation selbstständiger Künstlerinnen und Künstler denkt, namentlich im Bereich der darstellenden Kunst, fallen einem Stichworte ein, wie z.B. geringe Gage, unstetige Beschäftigung, Selbstausbeutung, soziale Abhängigkeit, drohende Altersarmut. Man denkt an Musicaldarsteller, Tänzer, Sänger, Schauspieler und Musiker. Und vielleicht denkt man auch noch an den „Markt“, also Veranstalter, Produzenten, kommerzielle Musicals, private und öffentliche Bühnen. An das Publikum, das im kommerziellen Kunstbetrieb, vor allem im Musicalbereich, bereit ist, vergleichsweise hohe Eintrittspreis zu zahlen, denkt man in der Regel nicht. Und auch Themen wie Spartengewerkschaften oder Tarifeinheit werden einem in diesem Zusammenhang zunächst kaum in den Sinn kommen. Allerdings lohnt es sich durchaus, gedanklich genau diese Brücke zu schlagen.

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Denn die aktuelle politische Diskussion um die Begrenzung des zuletzt immer weiter gewachsenen Einflusses von Spartengewerkschaften durch die Neujustierung der Tarifeinheit ist ein Reflex. Eine Reaktion darauf, dass sich Angehörige bestimmter spezialisierter Berufsgruppen, in der öffentlichen Wahrnehmung allen voran die Piloten, Lokführer und Ärzte, zu extrem gut organisierten Fachgewerkschaften zusammengeschlossen haben. Sie haben dies getan, weil sie ihre ganz spezifischen beruflichen und sozialen Interessen nach dem alten Motto „Einigkeit macht stark“ gegenüber ihren Arbeitgebern, den Flug- und Bahngesellschaften, den Krankenhäusern und der öffentlichen Hand, durchsetzen wollen. Und sie haben sich auf abgegrenzte Berufsbilder eines Piloten, Lokführers oder Arztes und dessen konkrete Belange spezialisiert. Wenn man die großen Gewerkschaften als schwerfällige Tanker bezeichnen würde, die die Interessen der Beschäftigten von sehr heterogenen Bereichen vertreten (müssen), wären die Spartengewerkschaften kleine, aber kraftvolle Schnellboote.

Was hat das nun mit der sozialen Lage selbstständiger Künstler zu tun? Schaut man sich im Kunst- und Musikbetrieb näher um, stellt man bald fest, dass es einzelne Bereiche gibt, in denen die Künstler schon vor vielen Jahrzehnten, teilweise bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ihre Interessen in Arbeitnehmervereinigungen gebündelt haben, lange bevor es den Begriff „Spartengewerkschaft“ überhaupt gab. Das betrifft vor allem professionelle Sänger und Schauspieler, Chorsänger und Bühnentänzer an öffentlichen Bühnen, aber auch Orchestermusiker. Diese Berufsgruppen haben sich in jahrzehntelangen Auseinandersetzungen mit einzelnen Arbeitgebern oder Arbeitgeberverbänden tarifliche Arbeits- und Vergütungsbedingungen erkämpft, die sich einerseits an den Bedingungen des öffentlichen Dienstes orientieren, andererseits die spezifische künstlerische Arbeitssituation auf, vor und hinter der Bühne berücksichtigen. Diese Künstler sind ganz überwiegend abhängig beschäftigt und genießen aufgrund der für sie geltenden Tarifverträge eine gewisse soziale Absicherung. Diese wiederum ist für die Orchestermusiker mit überwiegend unbefristeten Arbeitsverträgen besser ausgestaltet als für Bühnenangehörige überwiegend befristeten Verträgen.

Warum ist das so? Orchestermusiker, die sich in Betrieben gewerkschaftlich engagieren, müssen nicht befürchten deswegen gekündigt zu werden; dagegen steht das deutsche Arbeitsrecht. Solisten, also Sänger oder Schauspieler, die Ensemblemitglied eines Theaters sind und sich dort gewerkschaftlich engagieren, laufen Gefahr, dass ihr Engagement „aus künstlerischen Gründen“ nicht verlängert wird, sollten sie „zu unbequem“ werden. Dieses unterschiedliche „soziale Bedrohungspotenzial“ der Mitglieder von Künstlergewerkschaften führt zu einem unterschiedlichen Organisationsgrad und damit zu einem unterschiedlichen Durchsetzungsvermögen der jeweiligen Verbände.

Selbstständige Künstler sind in der Regel „Einzelkämpfer“. Ausnahmen gibt es auch dort, nämlich wenn sie aus künstlerischen Gründen zwingend als Kollektiv, also als Musicalorchester oder als Chor- und Tanzgruppe, eingesetzt werden. Wer aber als Solist (Sänger, Schauspieler, Tänzer) tätig ist, hat bei der Verhandlung seines Engagements die schwächste Position. Diese wiederum ist abhängig a) von seinem Marktwert und b) dem Angebot an vergleichbaren Kräften. Eine bekannte Sängerin oder ein prominenter Schauspieler können in Verhandlungen mit einem Veranstalter naturgemäß bessere Gagen- und Auftrittsbedingungen durchsetzen als Berufsanfänger oder jederzeit austauschbare Gruppentänzer und -darsteller. Letztere haben kaum Möglichkeiten, Druck auf die andere Seite auszuüben, um bessere Bedingungen für sich zu erreichen.

Die öffentliche Anprangerung und Wahrnehmbarmachung „skandalöser Gagen- und unverschämter Auditionverhältnisse“ in den vergangenen zwei Jahren ist gewiss ein Verdienst von „art but fair“, vor allen Dingen in Österreich und Deutschland. Allerdings ist die Halbwertzeit der zu Beginn dieser Bewegung erzeugten öffentlichen Skandalisierung unzumutbarer Beschäftigungs- und Vergütungsbedingungen erkennbar begrenzt. Auch die anfängliche Euphorie betroffener Künstler und der Medien ist einer gewissen Ernüchterung gewichen. Der Versuch, gewisse soziale Standards für selbstständige Künstler in Form „goldener Regeln“ oder einer „Selbstverpflichtung“ zu etablieren, bleibt zunächst einmal ein Versuch. Dieser könnte ansatzweise dann gelingen, wenn die einschlägigen Veranstalter und Produzenten durch Öffentlichkeit, Medien, das Publikum oder den Gesetzgeber so stark unter Druck geraten, dass sie gar nicht mehr anders können, als soziale Verbesserungen für selbstständige Künstler einzuführen. Das aber ist ein steiniger Weg.

Letztlich ist es eine Frage der Evolution: Spartengewerkschaften sind durchsetzungsstark, weil sie eine hohe Konzentration gleichartiger Interessen bei einem hohen Organisationsgrad ihrer Mitglieder gegenüber Arbeitgebern positionieren. Wäre die Selbstverpflichtung hierfür noch besser geeignet, hätten Spartengewerkschaften sie bestimmt schon für sich entdeckt und eingesetzt. Eines aber ist auf jeden Fall klar: selbstständige Künstler werden wie alle anderen Berufsgruppen nur dann eine Chance auf Durchsetzung ihrer in der Sache vollkommen berechtigten sozialen Interessen haben, wenn auch sie sich gut organisieren, einen eigenen schlagkräftigen Verband aufbauen oder sich bereits bestehenden Gruppierungen, die ihren Interessen nahe stehen, anschließen.