2018: Mehr Geld für Orchester und Theater!

Geht es der Wirtschaft schlecht und die Steuereinnahmen sinken, werden die öffentlichen Ausgaben im Kulturbereich als erstes gekürzt. Geht es der Wirtschaft gut und die Steuereinnahmen sprudeln, werden die Ausgaben im Kulturbereich als letztes erhöht. Dieser Eindruck drängt sich auf, wenn man die Entwicklung der letzten zehn Jahre verfolgt. Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009, vor allem ausgelöst durch die Banken- und Investmentkrise in den USA, war auch in der Kulturfinanzierung in Deutschland zu spüren. Nicht nur bei öffentlichen Kultureinrichtungen, auch bei zahlreichen Musikfestivals, die die Zurückhaltung von Sponsoren zu spüren bekamen.

Viele Orchester und Theater brauchen eine bessere Finanzierung – Staatstheater Schwerin (c) DOV

Im Moment sprudeln die Steuereinnahmen für Bund, Länder und Kommunen so gut wie schon lange nicht mehr. Die öffentlichen Kassen sind voll. Die Wirtschaft brummt. Arbeitskräfte werden knapp. Die Beschäftigungsquote in Deutschland ist so hoch wie seit 1990 nicht mehr. Und ist nun deswegen finanziell alles gut für die Orchester und Theater in Deutschland? Leider nein. Zwar kann man sich über neu eröffnete und renovierte Konzertsäle und Theatergebäude freuen. Auch ist der Bund erstmals mit dem Programm „Exzellente Orchesterlandschaft Deutschland“ verstärkt in die Finanzierung von Sonderprojekten regionaler Orchester eingestiegen. Ebenso gibt es vom Bund mehr Geld für die Stiftung Oper in Berlin und die Berliner Philharmoniker. In Nordrhein-Westfalen will die neue Landesregierung den Kulturhaushalt verdoppeln. Aber bei vielen Orchestern, vor allem in den fünf östlichen Bundesländern, die seit Jahren unter Haustarifverträgen arbeiten, in denen Musiker auf Vergütung verzichten, ist der neue Aufschwung noch nicht angekommen. Allein im Freistaat Sachsen klafft eine Finanzierungslücke von 12 bis 15 Millionen € bei den Personalkosten der Orchester und Theater.

Will der Staat glaubhaft bleiben, muss er neben notwendigen Investitionen, zum Beispiel in die digitale Infrastruktur, dort mehr Geld ausgeben, wo er in der Vergangenheit erkennbar zu stark gekürzt bzw. zu wenig erhöht hat. Im Freistaat Sachsen z.B. sind dies die Bereiche Bildung, Polizei, aber eben auch Kultur. Ausgerechnet in Sachsen, wo die Kultur per Gesetz im Jahr 1994 zur Pflichtaufgabe erklärt wurde, gibt es in Orchestern und Theatern im bundesweiten Vergleich die meisten Haustarifverträge mit Lohnverzicht der Beschäftigten. Diese Paradoxie muss ein Ende haben. Und zwar unverzüglich. Die DOV wird diesen Missstand gemeinsam mit den Betroffenen erneut anprangern. In der Hoffnung, dass die politisch Verantwortlichen den Hebel endlich umlegen und für eine auskömmliche Finanzierung der Orchester und Theater sorgen.

Gerald Mertens

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Deutsche Orchesterkonferenz 2018 in Halle/Saale

Diesen Termin sollte man sich vormerken: am 24. April 2018 findet die nächste Deutsche Orchesterkonferenz in Halle/Saale statt. Die ganztätige Veranstaltung in der Georg-Friedrich-Händel Halle befasst sich mit Musikvermittlung und Qualitätsmanagement im Rundfunk sowie für Orchester, Konzerthäuser.

Sprecher und Diskutanten aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden diskutieren mit Kultur- und Medienpolitikern, mit Praktikern und Moderatoren aus der Musikvermittlung, mit Rundfunkverantwortlichen und Konzerthauschefs. Die Veranstaltung richtet sich vorrangig an Orchester- und Chormanager, Mitglieder professioneller Orchester und Chöre, Musikvermitler*innen, Kulturpolitiker*innen, Kulturmanager*innen und sonstige Interessierte.

Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung erforderlich. Weitere Informationen zum Programm demnächst auf der Webseite der Deutschen Orchestervereinigung unter „Deutsche Orchesterkonferenz“ (www.dov.org).

Immer mehr Besucher für klassische Musik

Am 18. August startet im Berliner Konzerthaus das erfolgreiche Jugendorchester-Festival Young Euro Classic. Die Konzerte sind in der Regel ausverkauft. Die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) nimmt den Festivalstart zum Anlass, Zwischenbilanz des Klassiksommers 2017 zu ziehen.

© HR/Tim Wegner – Impression vom Open Air des hr-Sinfonieorchesters 2016

„Die sommerlichen Open-Air-, Festival- und Festspiel-Veranstaltungen klassischer Musik werden immer beliebter“, sagt DOV-Geschäftsführer Gerald Mertens. „Trotz des eher durchwachsenen Sommerwetters beobachten wir eine weiter steigende Nachfrage beim Publikum.“ Die Münchner Opernfestspiele melden 97 Prozent Auslastung, ebenso die Kieler Oper mit ihrer Turandot Open-Air-Produktion. Die Auslastung des Schleswig-Holstein-Musikfestivals liegt zur Halbzeit bereits bei 84 Prozent und damit vier Prozent höher als im Vorjahr. Die Opernfestspiele Heidenheim verbuchen mit 17.600 Besuchen sogar eine fast 100-prozentige Auslastung.

„Dieser positive und erfreuliche Trend zieht sich quer durch fast alle Auswertungen der örtlichen Veranstalter. Ein ähnliches Bild zeigen auch die Saisonbilanzen der Spielzeit 2016/17“, sagt Mertens. Das Gärtnerplatztheater München meldet eine Auslastung von 90 Prozent sowie steigende Abonnentenzahlen. Die wieder eröffnete Staatsoperette Dresden erzielt 93,3 Prozent und das neu eröffnete Bochumer Musikforum eine traumhafte Auslastung von 98,6 Prozent. „Solche guten Zahlen gibt nun es seit mehreren Jahren. Sie sind ein Beleg, dass die Trendwende Klassik nicht mehr aufzuhalten ist.“

 

Die deutsche Theater-und Orchesterlandschaft wird für die internationale UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes nominiert

Das ist die Kulturmeldung des Jahres 2016! Deutschland nominiert seine Theater- und Orchesterlandschaft für die internationale UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes. Das haben die Kultusministerkonferenz unter der Leitung der Bremer Bildungssenatorin Dr. Claudia Bogedan und die Staatsministerin für Kultur und Medien Prof. Monika Grütters jetzt bestätigt. Damit folgen sie der Empfehlung der Experten der Deutschen UNESCO-Kommission. Die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft zeichnet sich durch eine weltweit einmalige Vielfalt künstlerischer Ausdrucksformen aus, die im Schauspiel, Figurentheater, in Oper, Operette, Musical, Tanz, Konzert sowie in performativen Veranstaltungen verwirklicht wird. Jährlich besuchen hierzulande rund 35 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer mehr als 120.000 Theateraufführungen und 9.000 Konzerte. Deutschland reicht das Nominierungsdossier im Frühjahr 2018 bei der UNESCO ein. Über die Aufnahme entscheidet der Zwischenstaatliche Ausschuss zum Immateriellen Kulturerbe im Winter 2019.

Reichhaltige Theater- und Orchesterlandschaft

Reichhaltige Theater- und Orchesterlandschaft

Bereits 2009 hatte die nationale Delegiertenversammlung der Deutsche Orchestervereinigung (DOV) in Erfurt eine entsprechende Resolution zur Aufnahme der deutschen Orchester-und Theaterlandschaft beschlossen. Im Dezember 2014 erfolgte durch gemeinsamen Antrag des Deutschen Bühnenvereins und des Deutschen Musikrats, inhaltlich begleitet von der DOV, die Aufnahme auf die nationale Liste des immateriellen Kulturerbes. Nun soll also der internationale Eintrag folgen. Schon die Nominierung ist eine große Anerkennung. Es ist sehr zu hoffen, dass sie erfolgreich sein wird.

Kulturstaatsministerin Prof. Monika Grütters betont: „Die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft begründet – wie die vielfältige deutsche Kulturlandschaft überhaupt – Deutschlands Ruf als Kulturnation. Nirgendwo sonst sind Schauspiel, Oper, Musical, Tanz oder Konzert in solcher Vielfalt und an so vielen Orten im ganzen Land zu erleben. Durch die Weitergabe und Neugestaltung von Dramaturgien, künstlerischen Praktiken und Ästhetiken verbinden sie Tradition und Innovation, die dieses Immaterielle Kulturerbe besonders auszeichnen. Die Theater- und Orchesterlandschaft bietet kulturelle Räume der Orientierung und Selbstvergewisserung, die wir heute mehr denn je brauchen. Denn Kultur schafft nicht nur Identität, sie ist auch unser stärkster Integrationsmotor.“

Dr. Claudia Bogedan, Präsidentin der Kultusministerkonferenz, unterstreicht: „Deutschland verfügt über eine einzigartige Vielfalt in der Theater- und Orchesterlandschaft, die wir in den öffentlich getragenen Stadt- und Staatstheatern, den Landesbühnen, einer großen Zahl von Privattheatern und freien Gruppen, Musik- und Theater-Festivals sowie Theater- und Sinfonieorchester täglich aufs Neue erleben dürfen. Durch die Dichte und Bandbreite der Theater und Orchester in Deutschland sind sowohl die Weitergabe des Könnens und Wissen dieses Immateriellen Kulturerbes als auch die Möglichkeiten der Weiterentwicklung von besonderer Bedeutung.“

Prof. Dr. Christoph Wulf, Vizepräsident der Deutschen UNESCO-Kommission, erklärt: „Jedes Theater- und Konzertereignis ist ein Raum des Erlebens und Erkennens der Welt aus neuen Perspektiven. Theaterensembles und Orchester sind wichtige Akteure in der gesellschaftspolitischen Gegenwartsdebatte. Sie gestalten so unser Gemeinwesen und unsere Zukunft mit. Unsere Theater sind lebendige Kulturakteure in ihrer Region. Die Kulturform trägt damit auch wesentlich zur lokalen und regionalen Identitätsbildung bei.“

Deutschland verfügt über die weltweit höchste Theaterdichte. Und auch die Orchesterdichte zählt zu den höchsten auf der ganzen Welt. Die Theater- und Orchesterlandschaft in Deutschland wird durch die rund 140 öffentlich getragenen Theater geprägt, also durch Stadttheater, Staatstheater und Landesbühnen. Hinzu kommen rund 220 Privattheater, etwa 130 Opern-, Sinfonie- und Kammerorchester und circa 70 Festspiele, etwa 150 Theater- und Spielstätten ohne festes Ensemble und um die 100 Tournee- und Gastspielbühnen ohne festes Haus. Darüber hinaus gibt es eine hohe Anzahl freier Gruppen.

Die Vielfalt der deutschen Theater- und Orchesterlandschaft entwickelte sich aus der kleinstaatlichen Verfasstheit Deutschlands im 17. und 18. Jahrhundert. Zu den in den Fürstentümern und Königreichen entstandenen Theatern und Orchestern kamen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts fremdsprachige Schauspielgruppen hinzu, die den Marktplatz und den Hof gleichermaßen bespielten. Das sich verfestigende Selbstbewusstsein des Bürgertums äußerte sich im 18. Jahrhundert zunächst im Gedanken des Nationaltheaters. Während des 19. Jahrhunderts etablierten sich dann die von den Bürgern getragenen Stadttheater und Konzertgesellschaften. Das Regietheater entstand Ende des 19. Jahrhunderts und entwickelte das Theater zur Kunstform.

2014 wurde die „Deutsche Theater- und Orchesterlandschaft“ auf Initiative des Deutschen Bühnenvereins und des Deutschen Musikrats in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Ein Eintrag ist die Vorbedingung für eine UNESCO-Nominierung.

 

Hintergrund:

Zum Immateriellen Kulturerbe zählen lebendige Traditionen aus den Bereichen Tanz, Theater, Musik, mündliche Überlieferungen, Naturwissen und Handwerkstechniken. Seit 2003 unterstützt die UNESCO den Schutz, die Dokumentation und den Erhalt dieser Kulturformen. Bis heute sind 171 Staaten dem UNESCO-Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes beigetreten. Deutschland ist seit 2013 Vertragsstaat.

Der Zwischenstaatliche Ausschuss zum Immateriellen Kulturerbe setzt sich aus 24 gewählten Vertragsstaaten der Konvention zum Immateriellen Kulturerbe zusammen. Er entscheidet jährlich über die Aufnahme neuer Kulturformen in die Listen des Immateriellen Kulturerbes. Bisher sind 366 Formen des Immateriellen Kulturerbes auf der internationalen Repräsentativen Liste eingetragen, 47 Elemente auf der Liste des dringend erhaltungsbedürftigen Immateriellen Kulturerbes und 17 Gute Praxisbeispiele zur Erhaltung immateriellen Kulturerbes. Kriterien für die Anerkennung sind unter anderem eine nachweisbare Lebendigkeit und eine identitätsstiftende Komponente für die Trägergemeinschaft der Kulturform, die Entwicklung von Erhaltungsmaßnahmen, eine weitreichende Beteiligung der Trägergemeinschaft und die Eintragung in ein nationales Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes. Mit der Einschreibung verpflichten sich die Vertragsstaaten, das Immaterielle Kulturerbe auf ihrem jeweiligen Staatsgebiet zu fördern.

Weitere Informationen:

Webseite der Deutschen UNESCO-Kommission zum Immateriellen Kulturerbe

http://unesco.de/index.php?id=7571&rid=t_5767&mid=1126&aC=ea39dee7&jumpurl=-1

Geigen und Bratschen als Handgepäck bei Air Berlin? DOV interveniert

In den letzten Tagen haben sich die Meldungen gehäuft, dass der Instrumententransport – insbesondere von Geigen und Bratschen – durch Air Berlin erheblich erschwert wurde. Da die Länge der Instrumentenkästen in der Regel das maximale Standardmaß von 55 cm überschreitet, wurde diversen Fluggästen vom Serviceteam mitgeteilt, dass eine Instrumentenmitnahme nur bei Buchung eines weiteren Sitzes in der Kabine möglich sei.

AirBerlin_Logo

Derartiges war bislang – auch von anderen Fluggesellschaften – nur für größere Musikinstrumente, beispielsweise Violoncelli, bekannt und geläufig. Dass Air Berlin sich jetzt aber in die Gruppe anderer Billigfluggesellschaften begibt, wie zum Beispiel Easyjet und Ryan Air, und den Instrumententransport von Geigen und Bratschen im Handgepäck massiv erschwert, ist sehr überraschend. Je nach Flugzeugtyp stellt die Mitnahme der Instrumentenkästen in der Praxis überhaupt kein Problem dar, denn durch die schlanke Kastenform ist es in der Regel möglich, diese ganz hinten in der oberen Ablage zu verstauen, so dass davor noch weiteres Handgepäck mit Standardmaßen verstaut werden kann.

Die DOV hat sich nunmehr persönlich an den Vorstandsvorsitzenden von Air Berlin, Stefan Pichler, gewandt und die Fluggesellschaft aufgefordert, zu einer für Musiker kundenfreundlichen Transportpolitik zurückzukehren und die unproblematische Mitnahme von Geigen, Bratschen und vergleichbar großen Instrumenten im Handgepäck zu ermöglichen.

Kulturerbe Deutsche Orchesterlandschaft – Logo nutzen!

Vor einem Jahr wurde die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft auf Betreiben der Deutschen Orchestervereinigung und unter Kooperation von Deutschem Musikrat und Bühnenverein von der Deutschen UNESCO-Kommission in die nationale Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Das wurde in einer breiteren Öffentlichkeit, in den Medien und der Politik wahrgenommen; droht aber auch wieder in Vergessenheit zu geraten.

Daher sollten alle Orchester und Theater in Deutschland ein großes Interesse daran haben, den UNESCO-Titel stärker zu nutzen und in die Öffentlichkeit zu tragen. Für die Deutsche Theater- und Orchesterlandschaft wurde ein spezielles Logo entwickelt, welches von den verwendungsberechtigten Mitgliedern im Rahmen ihrer Öffentlichkeitsarbeit genutzt werden kann.

Das offizielle UNESCO-Logo

Das offizielle UNESCO-Logo

Das Logo kann als eps-Druck-Datei beim Generalsekretariat des Deutschen Musikrates angefordert werden (Generalsekretariat@musikrat.de). Das Logo sollte möglichst breit von vielen Orchestern und Theatern in Deutschland regelmäßig auf Spielzeitheften, Plakaten, Drucksachen und Flyern verwendet werden. Vor allem so kann in Verwaltung, Politik und Öffentlichkeit der besondere Kulturerbe-Status dokumentiert werden.

„art but fair“ – Lichtblick oder Strohfeuer? Oder: Warum Künstler sich organisieren.

Wenn man an die wirtschaftliche und soziale Situation selbstständiger Künstlerinnen und Künstler denkt, namentlich im Bereich der darstellenden Kunst, fallen einem Stichworte ein, wie z.B. geringe Gage, unstetige Beschäftigung, Selbstausbeutung, soziale Abhängigkeit, drohende Altersarmut. Man denkt an Musicaldarsteller, Tänzer, Sänger, Schauspieler und Musiker. Und vielleicht denkt man auch noch an den „Markt“, also Veranstalter, Produzenten, kommerzielle Musicals, private und öffentliche Bühnen. An das Publikum, das im kommerziellen Kunstbetrieb, vor allem im Musicalbereich, bereit ist, vergleichsweise hohe Eintrittspreis zu zahlen, denkt man in der Regel nicht. Und auch Themen wie Spartengewerkschaften oder Tarifeinheit werden einem in diesem Zusammenhang zunächst kaum in den Sinn kommen. Allerdings lohnt es sich durchaus, gedanklich genau diese Brücke zu schlagen.

Art_but_Fair

Denn die aktuelle politische Diskussion um die Begrenzung des zuletzt immer weiter gewachsenen Einflusses von Spartengewerkschaften durch die Neujustierung der Tarifeinheit ist ein Reflex. Eine Reaktion darauf, dass sich Angehörige bestimmter spezialisierter Berufsgruppen, in der öffentlichen Wahrnehmung allen voran die Piloten, Lokführer und Ärzte, zu extrem gut organisierten Fachgewerkschaften zusammengeschlossen haben. Sie haben dies getan, weil sie ihre ganz spezifischen beruflichen und sozialen Interessen nach dem alten Motto „Einigkeit macht stark“ gegenüber ihren Arbeitgebern, den Flug- und Bahngesellschaften, den Krankenhäusern und der öffentlichen Hand, durchsetzen wollen. Und sie haben sich auf abgegrenzte Berufsbilder eines Piloten, Lokführers oder Arztes und dessen konkrete Belange spezialisiert. Wenn man die großen Gewerkschaften als schwerfällige Tanker bezeichnen würde, die die Interessen der Beschäftigten von sehr heterogenen Bereichen vertreten (müssen), wären die Spartengewerkschaften kleine, aber kraftvolle Schnellboote.

Was hat das nun mit der sozialen Lage selbstständiger Künstler zu tun? Schaut man sich im Kunst- und Musikbetrieb näher um, stellt man bald fest, dass es einzelne Bereiche gibt, in denen die Künstler schon vor vielen Jahrzehnten, teilweise bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ihre Interessen in Arbeitnehmervereinigungen gebündelt haben, lange bevor es den Begriff „Spartengewerkschaft“ überhaupt gab. Das betrifft vor allem professionelle Sänger und Schauspieler, Chorsänger und Bühnentänzer an öffentlichen Bühnen, aber auch Orchestermusiker. Diese Berufsgruppen haben sich in jahrzehntelangen Auseinandersetzungen mit einzelnen Arbeitgebern oder Arbeitgeberverbänden tarifliche Arbeits- und Vergütungsbedingungen erkämpft, die sich einerseits an den Bedingungen des öffentlichen Dienstes orientieren, andererseits die spezifische künstlerische Arbeitssituation auf, vor und hinter der Bühne berücksichtigen. Diese Künstler sind ganz überwiegend abhängig beschäftigt und genießen aufgrund der für sie geltenden Tarifverträge eine gewisse soziale Absicherung. Diese wiederum ist für die Orchestermusiker mit überwiegend unbefristeten Arbeitsverträgen besser ausgestaltet als für Bühnenangehörige überwiegend befristeten Verträgen.

Warum ist das so? Orchestermusiker, die sich in Betrieben gewerkschaftlich engagieren, müssen nicht befürchten deswegen gekündigt zu werden; dagegen steht das deutsche Arbeitsrecht. Solisten, also Sänger oder Schauspieler, die Ensemblemitglied eines Theaters sind und sich dort gewerkschaftlich engagieren, laufen Gefahr, dass ihr Engagement „aus künstlerischen Gründen“ nicht verlängert wird, sollten sie „zu unbequem“ werden. Dieses unterschiedliche „soziale Bedrohungspotenzial“ der Mitglieder von Künstlergewerkschaften führt zu einem unterschiedlichen Organisationsgrad und damit zu einem unterschiedlichen Durchsetzungsvermögen der jeweiligen Verbände.

Selbstständige Künstler sind in der Regel „Einzelkämpfer“. Ausnahmen gibt es auch dort, nämlich wenn sie aus künstlerischen Gründen zwingend als Kollektiv, also als Musicalorchester oder als Chor- und Tanzgruppe, eingesetzt werden. Wer aber als Solist (Sänger, Schauspieler, Tänzer) tätig ist, hat bei der Verhandlung seines Engagements die schwächste Position. Diese wiederum ist abhängig a) von seinem Marktwert und b) dem Angebot an vergleichbaren Kräften. Eine bekannte Sängerin oder ein prominenter Schauspieler können in Verhandlungen mit einem Veranstalter naturgemäß bessere Gagen- und Auftrittsbedingungen durchsetzen als Berufsanfänger oder jederzeit austauschbare Gruppentänzer und -darsteller. Letztere haben kaum Möglichkeiten, Druck auf die andere Seite auszuüben, um bessere Bedingungen für sich zu erreichen.

Die öffentliche Anprangerung und Wahrnehmbarmachung „skandalöser Gagen- und unverschämter Auditionverhältnisse“ in den vergangenen zwei Jahren ist gewiss ein Verdienst von „art but fair“, vor allen Dingen in Österreich und Deutschland. Allerdings ist die Halbwertzeit der zu Beginn dieser Bewegung erzeugten öffentlichen Skandalisierung unzumutbarer Beschäftigungs- und Vergütungsbedingungen erkennbar begrenzt. Auch die anfängliche Euphorie betroffener Künstler und der Medien ist einer gewissen Ernüchterung gewichen. Der Versuch, gewisse soziale Standards für selbstständige Künstler in Form „goldener Regeln“ oder einer „Selbstverpflichtung“ zu etablieren, bleibt zunächst einmal ein Versuch. Dieser könnte ansatzweise dann gelingen, wenn die einschlägigen Veranstalter und Produzenten durch Öffentlichkeit, Medien, das Publikum oder den Gesetzgeber so stark unter Druck geraten, dass sie gar nicht mehr anders können, als soziale Verbesserungen für selbstständige Künstler einzuführen. Das aber ist ein steiniger Weg.

Letztlich ist es eine Frage der Evolution: Spartengewerkschaften sind durchsetzungsstark, weil sie eine hohe Konzentration gleichartiger Interessen bei einem hohen Organisationsgrad ihrer Mitglieder gegenüber Arbeitgebern positionieren. Wäre die Selbstverpflichtung hierfür noch besser geeignet, hätten Spartengewerkschaften sie bestimmt schon für sich entdeckt und eingesetzt. Eines aber ist auf jeden Fall klar: selbstständige Künstler werden wie alle anderen Berufsgruppen nur dann eine Chance auf Durchsetzung ihrer in der Sache vollkommen berechtigten sozialen Interessen haben, wenn auch sie sich gut organisieren, einen eigenen schlagkräftigen Verband aufbauen oder sich bereits bestehenden Gruppierungen, die ihren Interessen nahe stehen, anschließen.