Immer mehr Besucher für klassische Musik

Am 18. August startet im Berliner Konzerthaus das erfolgreiche Jugendorchester-Festival Young Euro Classic. Die Konzerte sind in der Regel ausverkauft. Die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) nimmt den Festivalstart zum Anlass, Zwischenbilanz des Klassiksommers 2017 zu ziehen.

© HR/Tim Wegner – Impression vom Open Air des hr-Sinfonieorchesters 2016

„Die sommerlichen Open-Air-, Festival- und Festspiel-Veranstaltungen klassischer Musik werden immer beliebter“, sagt DOV-Geschäftsführer Gerald Mertens. „Trotz des eher durchwachsenen Sommerwetters beobachten wir eine weiter steigende Nachfrage beim Publikum.“ Die Münchner Opernfestspiele melden 97 Prozent Auslastung, ebenso die Kieler Oper mit ihrer Turandot Open-Air-Produktion. Die Auslastung des Schleswig-Holstein-Musikfestivals liegt zur Halbzeit bereits bei 84 Prozent und damit vier Prozent höher als im Vorjahr. Die Opernfestspiele Heidenheim verbuchen mit 17.600 Besuchen sogar eine fast 100-prozentige Auslastung.

„Dieser positive und erfreuliche Trend zieht sich quer durch fast alle Auswertungen der örtlichen Veranstalter. Ein ähnliches Bild zeigen auch die Saisonbilanzen der Spielzeit 2016/17“, sagt Mertens. Das Gärtnerplatztheater München meldet eine Auslastung von 90 Prozent sowie steigende Abonnentenzahlen. Die wieder eröffnete Staatsoperette Dresden erzielt 93,3 Prozent und das neu eröffnete Bochumer Musikforum eine traumhafte Auslastung von 98,6 Prozent. „Solche guten Zahlen gibt nun es seit mehreren Jahren. Sie sind ein Beleg, dass die Trendwende Klassik nicht mehr aufzuhalten ist.“

 

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Die deutsche Theater-und Orchesterlandschaft wird für die internationale UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes nominiert

Das ist die Kulturmeldung des Jahres 2016! Deutschland nominiert seine Theater- und Orchesterlandschaft für die internationale UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes. Das haben die Kultusministerkonferenz unter der Leitung der Bremer Bildungssenatorin Dr. Claudia Bogedan und die Staatsministerin für Kultur und Medien Prof. Monika Grütters jetzt bestätigt. Damit folgen sie der Empfehlung der Experten der Deutschen UNESCO-Kommission. Die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft zeichnet sich durch eine weltweit einmalige Vielfalt künstlerischer Ausdrucksformen aus, die im Schauspiel, Figurentheater, in Oper, Operette, Musical, Tanz, Konzert sowie in performativen Veranstaltungen verwirklicht wird. Jährlich besuchen hierzulande rund 35 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer mehr als 120.000 Theateraufführungen und 9.000 Konzerte. Deutschland reicht das Nominierungsdossier im Frühjahr 2018 bei der UNESCO ein. Über die Aufnahme entscheidet der Zwischenstaatliche Ausschuss zum Immateriellen Kulturerbe im Winter 2019.

Reichhaltige Theater- und Orchesterlandschaft

Reichhaltige Theater- und Orchesterlandschaft

Bereits 2009 hatte die nationale Delegiertenversammlung der Deutsche Orchestervereinigung (DOV) in Erfurt eine entsprechende Resolution zur Aufnahme der deutschen Orchester-und Theaterlandschaft beschlossen. Im Dezember 2014 erfolgte durch gemeinsamen Antrag des Deutschen Bühnenvereins und des Deutschen Musikrats, inhaltlich begleitet von der DOV, die Aufnahme auf die nationale Liste des immateriellen Kulturerbes. Nun soll also der internationale Eintrag folgen. Schon die Nominierung ist eine große Anerkennung. Es ist sehr zu hoffen, dass sie erfolgreich sein wird.

Kulturstaatsministerin Prof. Monika Grütters betont: „Die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft begründet – wie die vielfältige deutsche Kulturlandschaft überhaupt – Deutschlands Ruf als Kulturnation. Nirgendwo sonst sind Schauspiel, Oper, Musical, Tanz oder Konzert in solcher Vielfalt und an so vielen Orten im ganzen Land zu erleben. Durch die Weitergabe und Neugestaltung von Dramaturgien, künstlerischen Praktiken und Ästhetiken verbinden sie Tradition und Innovation, die dieses Immaterielle Kulturerbe besonders auszeichnen. Die Theater- und Orchesterlandschaft bietet kulturelle Räume der Orientierung und Selbstvergewisserung, die wir heute mehr denn je brauchen. Denn Kultur schafft nicht nur Identität, sie ist auch unser stärkster Integrationsmotor.“

Dr. Claudia Bogedan, Präsidentin der Kultusministerkonferenz, unterstreicht: „Deutschland verfügt über eine einzigartige Vielfalt in der Theater- und Orchesterlandschaft, die wir in den öffentlich getragenen Stadt- und Staatstheatern, den Landesbühnen, einer großen Zahl von Privattheatern und freien Gruppen, Musik- und Theater-Festivals sowie Theater- und Sinfonieorchester täglich aufs Neue erleben dürfen. Durch die Dichte und Bandbreite der Theater und Orchester in Deutschland sind sowohl die Weitergabe des Könnens und Wissen dieses Immateriellen Kulturerbes als auch die Möglichkeiten der Weiterentwicklung von besonderer Bedeutung.“

Prof. Dr. Christoph Wulf, Vizepräsident der Deutschen UNESCO-Kommission, erklärt: „Jedes Theater- und Konzertereignis ist ein Raum des Erlebens und Erkennens der Welt aus neuen Perspektiven. Theaterensembles und Orchester sind wichtige Akteure in der gesellschaftspolitischen Gegenwartsdebatte. Sie gestalten so unser Gemeinwesen und unsere Zukunft mit. Unsere Theater sind lebendige Kulturakteure in ihrer Region. Die Kulturform trägt damit auch wesentlich zur lokalen und regionalen Identitätsbildung bei.“

Deutschland verfügt über die weltweit höchste Theaterdichte. Und auch die Orchesterdichte zählt zu den höchsten auf der ganzen Welt. Die Theater- und Orchesterlandschaft in Deutschland wird durch die rund 140 öffentlich getragenen Theater geprägt, also durch Stadttheater, Staatstheater und Landesbühnen. Hinzu kommen rund 220 Privattheater, etwa 130 Opern-, Sinfonie- und Kammerorchester und circa 70 Festspiele, etwa 150 Theater- und Spielstätten ohne festes Ensemble und um die 100 Tournee- und Gastspielbühnen ohne festes Haus. Darüber hinaus gibt es eine hohe Anzahl freier Gruppen.

Die Vielfalt der deutschen Theater- und Orchesterlandschaft entwickelte sich aus der kleinstaatlichen Verfasstheit Deutschlands im 17. und 18. Jahrhundert. Zu den in den Fürstentümern und Königreichen entstandenen Theatern und Orchestern kamen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts fremdsprachige Schauspielgruppen hinzu, die den Marktplatz und den Hof gleichermaßen bespielten. Das sich verfestigende Selbstbewusstsein des Bürgertums äußerte sich im 18. Jahrhundert zunächst im Gedanken des Nationaltheaters. Während des 19. Jahrhunderts etablierten sich dann die von den Bürgern getragenen Stadttheater und Konzertgesellschaften. Das Regietheater entstand Ende des 19. Jahrhunderts und entwickelte das Theater zur Kunstform.

2014 wurde die „Deutsche Theater- und Orchesterlandschaft“ auf Initiative des Deutschen Bühnenvereins und des Deutschen Musikrats in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Ein Eintrag ist die Vorbedingung für eine UNESCO-Nominierung.

 

Hintergrund:

Zum Immateriellen Kulturerbe zählen lebendige Traditionen aus den Bereichen Tanz, Theater, Musik, mündliche Überlieferungen, Naturwissen und Handwerkstechniken. Seit 2003 unterstützt die UNESCO den Schutz, die Dokumentation und den Erhalt dieser Kulturformen. Bis heute sind 171 Staaten dem UNESCO-Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes beigetreten. Deutschland ist seit 2013 Vertragsstaat.

Der Zwischenstaatliche Ausschuss zum Immateriellen Kulturerbe setzt sich aus 24 gewählten Vertragsstaaten der Konvention zum Immateriellen Kulturerbe zusammen. Er entscheidet jährlich über die Aufnahme neuer Kulturformen in die Listen des Immateriellen Kulturerbes. Bisher sind 366 Formen des Immateriellen Kulturerbes auf der internationalen Repräsentativen Liste eingetragen, 47 Elemente auf der Liste des dringend erhaltungsbedürftigen Immateriellen Kulturerbes und 17 Gute Praxisbeispiele zur Erhaltung immateriellen Kulturerbes. Kriterien für die Anerkennung sind unter anderem eine nachweisbare Lebendigkeit und eine identitätsstiftende Komponente für die Trägergemeinschaft der Kulturform, die Entwicklung von Erhaltungsmaßnahmen, eine weitreichende Beteiligung der Trägergemeinschaft und die Eintragung in ein nationales Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes. Mit der Einschreibung verpflichten sich die Vertragsstaaten, das Immaterielle Kulturerbe auf ihrem jeweiligen Staatsgebiet zu fördern.

Weitere Informationen:

Webseite der Deutschen UNESCO-Kommission zum Immateriellen Kulturerbe

http://unesco.de/index.php?id=7571&rid=t_5767&mid=1126&aC=ea39dee7&jumpurl=-1

Geigen und Bratschen als Handgepäck bei Air Berlin? DOV interveniert

In den letzten Tagen haben sich die Meldungen gehäuft, dass der Instrumententransport – insbesondere von Geigen und Bratschen – durch Air Berlin erheblich erschwert wurde. Da die Länge der Instrumentenkästen in der Regel das maximale Standardmaß von 55 cm überschreitet, wurde diversen Fluggästen vom Serviceteam mitgeteilt, dass eine Instrumentenmitnahme nur bei Buchung eines weiteren Sitzes in der Kabine möglich sei.

AirBerlin_Logo

Derartiges war bislang – auch von anderen Fluggesellschaften – nur für größere Musikinstrumente, beispielsweise Violoncelli, bekannt und geläufig. Dass Air Berlin sich jetzt aber in die Gruppe anderer Billigfluggesellschaften begibt, wie zum Beispiel Easyjet und Ryan Air, und den Instrumententransport von Geigen und Bratschen im Handgepäck massiv erschwert, ist sehr überraschend. Je nach Flugzeugtyp stellt die Mitnahme der Instrumentenkästen in der Praxis überhaupt kein Problem dar, denn durch die schlanke Kastenform ist es in der Regel möglich, diese ganz hinten in der oberen Ablage zu verstauen, so dass davor noch weiteres Handgepäck mit Standardmaßen verstaut werden kann.

Die DOV hat sich nunmehr persönlich an den Vorstandsvorsitzenden von Air Berlin, Stefan Pichler, gewandt und die Fluggesellschaft aufgefordert, zu einer für Musiker kundenfreundlichen Transportpolitik zurückzukehren und die unproblematische Mitnahme von Geigen, Bratschen und vergleichbar großen Instrumenten im Handgepäck zu ermöglichen.

Kulturerbe Deutsche Orchesterlandschaft – Logo nutzen!

Vor einem Jahr wurde die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft auf Betreiben der Deutschen Orchestervereinigung und unter Kooperation von Deutschem Musikrat und Bühnenverein von der Deutschen UNESCO-Kommission in die nationale Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Das wurde in einer breiteren Öffentlichkeit, in den Medien und der Politik wahrgenommen; droht aber auch wieder in Vergessenheit zu geraten.

Daher sollten alle Orchester und Theater in Deutschland ein großes Interesse daran haben, den UNESCO-Titel stärker zu nutzen und in die Öffentlichkeit zu tragen. Für die Deutsche Theater- und Orchesterlandschaft wurde ein spezielles Logo entwickelt, welches von den verwendungsberechtigten Mitgliedern im Rahmen ihrer Öffentlichkeitsarbeit genutzt werden kann.

Das offizielle UNESCO-Logo

Das offizielle UNESCO-Logo

Das Logo kann als eps-Druck-Datei beim Generalsekretariat des Deutschen Musikrates angefordert werden (Generalsekretariat@musikrat.de). Das Logo sollte möglichst breit von vielen Orchestern und Theatern in Deutschland regelmäßig auf Spielzeitheften, Plakaten, Drucksachen und Flyern verwendet werden. Vor allem so kann in Verwaltung, Politik und Öffentlichkeit der besondere Kulturerbe-Status dokumentiert werden.

„art but fair“ – Lichtblick oder Strohfeuer? Oder: Warum Künstler sich organisieren.

Wenn man an die wirtschaftliche und soziale Situation selbstständiger Künstlerinnen und Künstler denkt, namentlich im Bereich der darstellenden Kunst, fallen einem Stichworte ein, wie z.B. geringe Gage, unstetige Beschäftigung, Selbstausbeutung, soziale Abhängigkeit, drohende Altersarmut. Man denkt an Musicaldarsteller, Tänzer, Sänger, Schauspieler und Musiker. Und vielleicht denkt man auch noch an den „Markt“, also Veranstalter, Produzenten, kommerzielle Musicals, private und öffentliche Bühnen. An das Publikum, das im kommerziellen Kunstbetrieb, vor allem im Musicalbereich, bereit ist, vergleichsweise hohe Eintrittspreis zu zahlen, denkt man in der Regel nicht. Und auch Themen wie Spartengewerkschaften oder Tarifeinheit werden einem in diesem Zusammenhang zunächst kaum in den Sinn kommen. Allerdings lohnt es sich durchaus, gedanklich genau diese Brücke zu schlagen.

Art_but_Fair

Denn die aktuelle politische Diskussion um die Begrenzung des zuletzt immer weiter gewachsenen Einflusses von Spartengewerkschaften durch die Neujustierung der Tarifeinheit ist ein Reflex. Eine Reaktion darauf, dass sich Angehörige bestimmter spezialisierter Berufsgruppen, in der öffentlichen Wahrnehmung allen voran die Piloten, Lokführer und Ärzte, zu extrem gut organisierten Fachgewerkschaften zusammengeschlossen haben. Sie haben dies getan, weil sie ihre ganz spezifischen beruflichen und sozialen Interessen nach dem alten Motto „Einigkeit macht stark“ gegenüber ihren Arbeitgebern, den Flug- und Bahngesellschaften, den Krankenhäusern und der öffentlichen Hand, durchsetzen wollen. Und sie haben sich auf abgegrenzte Berufsbilder eines Piloten, Lokführers oder Arztes und dessen konkrete Belange spezialisiert. Wenn man die großen Gewerkschaften als schwerfällige Tanker bezeichnen würde, die die Interessen der Beschäftigten von sehr heterogenen Bereichen vertreten (müssen), wären die Spartengewerkschaften kleine, aber kraftvolle Schnellboote.

Was hat das nun mit der sozialen Lage selbstständiger Künstler zu tun? Schaut man sich im Kunst- und Musikbetrieb näher um, stellt man bald fest, dass es einzelne Bereiche gibt, in denen die Künstler schon vor vielen Jahrzehnten, teilweise bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ihre Interessen in Arbeitnehmervereinigungen gebündelt haben, lange bevor es den Begriff „Spartengewerkschaft“ überhaupt gab. Das betrifft vor allem professionelle Sänger und Schauspieler, Chorsänger und Bühnentänzer an öffentlichen Bühnen, aber auch Orchestermusiker. Diese Berufsgruppen haben sich in jahrzehntelangen Auseinandersetzungen mit einzelnen Arbeitgebern oder Arbeitgeberverbänden tarifliche Arbeits- und Vergütungsbedingungen erkämpft, die sich einerseits an den Bedingungen des öffentlichen Dienstes orientieren, andererseits die spezifische künstlerische Arbeitssituation auf, vor und hinter der Bühne berücksichtigen. Diese Künstler sind ganz überwiegend abhängig beschäftigt und genießen aufgrund der für sie geltenden Tarifverträge eine gewisse soziale Absicherung. Diese wiederum ist für die Orchestermusiker mit überwiegend unbefristeten Arbeitsverträgen besser ausgestaltet als für Bühnenangehörige überwiegend befristeten Verträgen.

Warum ist das so? Orchestermusiker, die sich in Betrieben gewerkschaftlich engagieren, müssen nicht befürchten deswegen gekündigt zu werden; dagegen steht das deutsche Arbeitsrecht. Solisten, also Sänger oder Schauspieler, die Ensemblemitglied eines Theaters sind und sich dort gewerkschaftlich engagieren, laufen Gefahr, dass ihr Engagement „aus künstlerischen Gründen“ nicht verlängert wird, sollten sie „zu unbequem“ werden. Dieses unterschiedliche „soziale Bedrohungspotenzial“ der Mitglieder von Künstlergewerkschaften führt zu einem unterschiedlichen Organisationsgrad und damit zu einem unterschiedlichen Durchsetzungsvermögen der jeweiligen Verbände.

Selbstständige Künstler sind in der Regel „Einzelkämpfer“. Ausnahmen gibt es auch dort, nämlich wenn sie aus künstlerischen Gründen zwingend als Kollektiv, also als Musicalorchester oder als Chor- und Tanzgruppe, eingesetzt werden. Wer aber als Solist (Sänger, Schauspieler, Tänzer) tätig ist, hat bei der Verhandlung seines Engagements die schwächste Position. Diese wiederum ist abhängig a) von seinem Marktwert und b) dem Angebot an vergleichbaren Kräften. Eine bekannte Sängerin oder ein prominenter Schauspieler können in Verhandlungen mit einem Veranstalter naturgemäß bessere Gagen- und Auftrittsbedingungen durchsetzen als Berufsanfänger oder jederzeit austauschbare Gruppentänzer und -darsteller. Letztere haben kaum Möglichkeiten, Druck auf die andere Seite auszuüben, um bessere Bedingungen für sich zu erreichen.

Die öffentliche Anprangerung und Wahrnehmbarmachung „skandalöser Gagen- und unverschämter Auditionverhältnisse“ in den vergangenen zwei Jahren ist gewiss ein Verdienst von „art but fair“, vor allen Dingen in Österreich und Deutschland. Allerdings ist die Halbwertzeit der zu Beginn dieser Bewegung erzeugten öffentlichen Skandalisierung unzumutbarer Beschäftigungs- und Vergütungsbedingungen erkennbar begrenzt. Auch die anfängliche Euphorie betroffener Künstler und der Medien ist einer gewissen Ernüchterung gewichen. Der Versuch, gewisse soziale Standards für selbstständige Künstler in Form „goldener Regeln“ oder einer „Selbstverpflichtung“ zu etablieren, bleibt zunächst einmal ein Versuch. Dieser könnte ansatzweise dann gelingen, wenn die einschlägigen Veranstalter und Produzenten durch Öffentlichkeit, Medien, das Publikum oder den Gesetzgeber so stark unter Druck geraten, dass sie gar nicht mehr anders können, als soziale Verbesserungen für selbstständige Künstler einzuführen. Das aber ist ein steiniger Weg.

Letztlich ist es eine Frage der Evolution: Spartengewerkschaften sind durchsetzungsstark, weil sie eine hohe Konzentration gleichartiger Interessen bei einem hohen Organisationsgrad ihrer Mitglieder gegenüber Arbeitgebern positionieren. Wäre die Selbstverpflichtung hierfür noch besser geeignet, hätten Spartengewerkschaften sie bestimmt schon für sich entdeckt und eingesetzt. Eines aber ist auf jeden Fall klar: selbstständige Künstler werden wie alle anderen Berufsgruppen nur dann eine Chance auf Durchsetzung ihrer in der Sache vollkommen berechtigten sozialen Interessen haben, wenn auch sie sich gut organisieren, einen eigenen schlagkräftigen Verband aufbauen oder sich bereits bestehenden Gruppierungen, die ihren Interessen nahe stehen, anschließen.

Droht Kahlschlag bei Thüringer Orchestern und Theatern?

Die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) droht massiven Widerstand an gegen die am 20. August 2015 durch die Thüringer Landeszeitung und den MDR öffentlich gewordenen Abbaupläne der Thüringer Staatskanzlei für die Orchester und Theater im Freistaat. Den Medienberichten zufolge sollen u.a. das Deutsche Nationaltheater Weimar die Opernsparte aufgeben, die Landeskapelle Eisenach aufgelöst und die Thüringen Philharmonie Gotha mit dem Orchester in Erfurt fusioniert und verkleinert werden.

Sollen abgewickelt werden: Landeskapelle Eisenach

Sollen abgewickelt werden: Landeskapelle Eisenach

Die aktuellen Abbau- und Fusionspläne von Minister Benjamin-Immanuel Hoff sind inakzeptabel. Die Art und Weise, wie hier mit Thüringer Künstlerinnen und Künstlern und ihren Verbänden umgegangen wird, ist einfach unwürdig. Bereits seit neun Monaten hatte die DOV der Thüringer Staatskanzlei einen Dialog zur Lage und zur Zukunft der Orchester und Theater angeboten. Und nun soll man als Berufsverband und Vertreter der Beschäftigten einfach vor vollendete Tatsachen gesetzt werden. Das werden die Orchester und Theater im Land nicht einfach hinnehmen. Auch Oberbürgermeister, Landräte und Intendanten werden sich nun fragen lassen müssen, auf welcher Seite sie stehen.

Hoff ist ein durchaus geschickter Rhetoriker. Jedoch bei den erneut anstehenden Strukturüberlegungen zu den Thüringer Orchestern und Theatern schätzt er die Aufstellung der Protagonisten falsch ein: Er spricht vom „Trialog“ zwischen Land mit Intendanten und Kommunen. Mal ehrlich: Minister und Staatssekretäre (Land), Oberbürgermeister und Landräte (Kommunen) und Intendanten haben alle befristete Verträge/Mandate, und man hat seit 1990 schon viele von ihnen kommen und wieder gehen sehen. Das wird auch so bleiben. Andererseits: Die überwiegend aus der thüringischen Kleinstaaterei (Alleinstellungsmerkmal!) entstandenen und dadurch besonders traditionsreichen Orchester und Theater und ihre Beschäftigten (!) waren oft schon vor ihnen da und sind häufig auch nach den Abgängen der Protagonisten des „Trialogs“ immer noch da. Ebenso wie das Publikum, die Freunde und Förderer, die Wählerinnen und Wähler…

Wer als Minister den Beschäftigten der Orchester und Theater und ihrer Berufsverbände (Gewerkschaften) nicht absolut auf Augenhöhe begegnet, wird einen schweren Stand haben. Allein der ansatzweise Versuch, vollendete Tatsachen aus dem „Trialog“ am Ende den Beschäftigten zu präsentieren, sollte eigentlich nicht Maßstab einer rot-rot-grünen Landesregierung sein. Da reicht es auch nicht, mal im Landestheater Eisenach auf einer Betriebsversammlung aufzulaufen oder Smalltalk mit der Thüringer Orchesterkonferenz zu halten.

In den vergangenen 25 Jahren wurden in Thüringen von ehemals über 1000 Musikerstellen bereits über 400 abgebaut. Wenn man den Ruf Thüringens als Kulturland nicht endgültig ramponieren will, muss mit dem Abbau doch irgendwann einmal Schluss sein. Man kann darauf hoffen, dass die Staatskanzlei ihre Pläne umgehend revidiert und zeitnah in einen echten Sachdialog mit den Künstlerinnen und Künstlern und ihren Verbänden eintritt. Nur dadurch könnte dem bevorstehenden breiten Widerstand der Betroffenen und der Thüringer Bürgerinnen und Bürger gegen diesen erneuten Angriff auf die Thüringer Orchester- und Theaterlandschaft begegnet werden.

Die nächsten Wochen werden in Thüringen mal wieder spannend. Politisch, medial und rhetorisch.

Deutsche Orchesterkonferenz 2015: Kommunen finanziell stärken

Zur Deutschen Orchesterkonferenz haben sich am 5. Mai 2015 Musikerinnen und Musiker, Orchestermanager und Intendanten sowie Spitzenvertreter aus Politik, Verwaltung und Verbänden getroffen. Gemeinsam diskutierten sie über die Zukunft der deutschen Orchester.

Deutsche Orchesterkonferenz im Kurfürstlichen Schloß Mainz

Deutsche Orchesterkonferenz im Kurfürstlichen Schloß Mainz

„In der Verteilungsdebatte haben die Orchester gute Argumente. Aber es gibt auch Fragezeichen“, sagte Walter Schumacher, Staatsekretär im Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz, in seinem Grußwort. „Ich weiß, was viele Orchester an Innovation leisten. Deshalb haben sie auch Perspektiven.“ Ziemlich treffend umriss er damit gleich zu Beginn das Konferenzthema. Unter dem Motto Innovation und Perspektive diskutierten im Kurfürstlichen Schloss Mainz rund 220 Gäste über die Zukunft der öffentlich finanzierten Orchester, Rundfunkensembles und Theater. Die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) veranstaltet die hochkarätige kulturpolitische Konferenz alle drei Jahre.

Innovation und Perspektive – Zukunftsdialog für Theater, Orchester und Rundfunkensembles

Nach der Begrüßung der Teilnehmer durch den DOV-Vorsitzenden Hartmut Karmeier und Geschäftsführer Gerald Mertens umriss Holger Noltze, Professor für Musik und Medien an der Technischen Universität Dortmund, die disparaten Rahmenbedingungen. Zwar werde die Wertschätzung von Musik in vielen öffentlichen Reden deklamiert. Doch allzu oft spiegele sich dies nicht in der politischen Praxis wider. Neben einem anhaltenden Verteilungskampf um kulturelles und ökonomisches Kapital warnte er vor einem „Cocktail diverser und insgesamt negativer Einflussfaktoren“. Dazu zählte Noltze unter anderem den „Wagenburg-Lobbyismus des Musikbereichs“, das Verschwinden des klassischen Bildungsbürgertums, die „durchschlagende Ökonomisierung“ des Kulturbereichs, die „zunehmende Selbstvergessenheit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Bezug auf seinen Kulturauftrag“ und einen „Affekt gegen Hochkultur“. Es gebe aber auch gute Argumente: „Machen Sie deutlich, warum ein Orchester so wichtig in einer Stadt ist und justieren Sie sich neu jenseits der alten Selbstverständlichkeiten!“

In diesem Sinne agierten Orchester bereits, konterte Professor Christian Höppner, Präsident des Deutschen Kulturrats (DKR), der durch die folgende Diskussion über Kulturfinanzierung führte. Karmeier stimmte zu: „Der Beruf des Orchestermusikers und die Werte, für die er steht, haben sich in den letzten zwanzig Jahren enorm geändert.“ Neue Konzertformate bis hin zu Willkommenskonzerten für Flüchtlinge belegen das.

„Seit den 70er und 80er Jahren ist das Interesse in den politischen Gremien deutlich zurückgegangen“, sagte Professor Felix Semmelroth, Kulturdezernent in Frankfurt am Main. Es gebe eine „deutliche Ökonomisierung“. Das betreffe allerdings nicht das Publikum. Als „gutes Zeichen“ wertete Rolf Bolwin, geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins, dass jedes Jahr 2,5 Milliarden Euro in die öffentliche Kulturfinanzierung fließen: „Ich kann nicht erkennen, dass diese Summe zur Disposition steht. Dennoch müssen wir von dem überzeugt sein, was wir machen.“

Karmeier machte deutlich, dass die Kommunen als Hauptträger der Orchester und Theater oft in finanziellen Zwangslagen sind. „Ihre finanzielle Entlastung durch den Bund ändert leider nichts an den grundlegenden Strukturproblemen. Deshalb brauchen wir dringend eine kommunale Finanzreform.“ Auf dem Podium wurde überlegt, ob sich Verbände wie der Bühnenverein, die DOV und der DKR künftig gemeinsam stärker für eine solide Finanzierung der Kommunen einsetzen könnten.

Einen neuen Weg hat Sachsen bereits vor einigen Jahren mit der Verabschiedung des Kulturraumgesetzes gesucht. Das Gesetz definiert Kultur als Pflichtaufgabe und beteiligt das Land mit zwei Dritteln an der Finanzierung. Das verbleibende Drittel steuern die Kommunen über eine Umlage bei. „Das Land stützt damit dezentrale Strukturen“, sagte Uwe Gaul, Staatssekretär im Sächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur. „Faktisch sind die meisten Mittel im Bereich Theater und Orchester gebunden. Für neue Projekte ist relativ wenig Luft.“

Die Befürchtung von Kulturpolitikern und kulturellen Akteuren, dass mit einem solchen Gesetz konkrete Ausgaben festgeschrieben und im Laufe der Zeit möglicherweise gesenkt werden, hat bislang verhindert, dass das Sächsische Modell von anderen Ländern übernommen wurde. „Es eignet sich nicht unbedingt als Blaupause, die der kulturellen Vielfalt in den Ländern gerecht wird“, lautete Höppners Zwischenbilanz.

Eine Idee des Deutschen Musikrats (DMR) brachte Karmeier ins Spiel, der auch Vizepräsident des Verbandes ist: „Der Bund könnte einen Musikfonds einrichten.“ Vor allem in Ostdeutschland gebe es bereits Bundesprogramme zur nationalen Kulturförderung, bei denen der Bund in der Kulturförderung aktiv ist. „Das Geld ist vorhanden. Es müsste aber auch der politische Wille da sein.“ Für Semmelroth wäre die Festschreibung von Kulturausgaben ein realistischer Weg. Erwähnung fand auch der Vorschlag von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), den Anteil der Kommunen an den Einnahmen aus der Umsatzsteuer zu erhöhen.

Nach der TTIP-kritischen Performance der DOV am 4. Mai, die in den Medien bundesweit große Beachtung gefunden hatte, wurde ausführlich über das Transatlantische Handelsabkommen diskutiert. Trotz unterschiedlicher Auffassungen im Detail herrschte Einigkeit, dass der Kulturbereich nicht kommerzialisiert werden darf und bei den Verhandlungen mehr Transparenz notwendig ist. Während die DOV und der DKR nach der Devise Wehret den Anfängen handeln und sich öffentlichkeitswirksam positionieren, setzt der Bühnenverein eher auf ein gesundes Augenmaß bei den Verhandlungen, das einer Aushöhlung des Kultursektors entgegenstünde. „Europäische Kulturen haben immer wieder ein hohes Maß an Resistenz bewiesen. Das wird hoffentlich auch dieses Mal so sein“, sagte auch Semmelroth.

Unter dem Motto Zwischen Kulturauftrag und Haushaltsabgabe stand die Diskussion am Nachmittag, in der es um die ARD-Rundfunkklangkörper ging. „Sie haben weiter einen festen Platz im programmbezogenen Rundfunksystem“, sagte Matthias Cornils, Professor für Medienrecht an der Universität Mainz. Ihr Wirken sei gesetzlich klar legitimiert. Allerdings habe die Einführung der Rundfunkgebühr den Druck auf die Rundfunkorchester erhöht. „Zudem stößt unter sich ändernden Rahmenbedingungen eine weitere Auslegung ihres Auftrags noch auf legitimatorische Grenzen.“ Dennoch werde der Bildungsauftrag der Klangkörper bedeutender. Das Dvorak- und das Gershwin-Projekt setzen in diesem Bereich Maßstäbe.

Der Wissenschaftler nennt auch die Verbreitung von Konzerten über Youtube, die kaum eine Konkurrenz zu privaten Anbietern darstellten. Der Hessische Rundfunk unterhält einen Youtube-Kanal und sei damit erfolgreich, sagte Dr. Heinz Sommer, Hörfunkdirektor des Hessischen Rundfunks, in der folgenden Podiumsdiskussion. „Ich glaube, dass diese Art der weltweiten Verbreitung immer wichtiger wird.“ Andere Sender würden ebenfalls über eine Einführung nachdenken. Begrenzt würden innovative Angebote allerdings durch finanzielle Mittel.

 

Christian Höppner forderte eine „bedarfsgerechte Finanzierung“ des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. „Mir ist klar, dass das gesellschaftspolitisch ein schwieriger Akt ist.“ Das zeige zum Beispiel die Debatte um Werbeinnahmen, die unter anderem im Deutschen Kulturrat geführt wird. Sommer sagte voraus, dass sich die Rolle der Werbung in Zukunft stark verändern werde. Einen konkreten Ausblick gab er nicht.

Einen inhaltlich größeren Bogen schlug Kristjan Järvi, Künstlerischer Leiter des mdr-Sinfonieorchesters Leipzig. Er wies auf die weltweit einzigartige Rolle des deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems hin. „Sie sollte weiter ausgebaut und nicht gekürzt werden.“

Den feierlichen Abschluss der Deutschen Orchesterkonferenz bildete die Verleihung des Hermann-Voss-Kulturpreises. Die DOV überreichte ihn in diesem Jahr an die Deutsche UNESCO-Kommission (DUK) für ihre Verdienste um die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft. Im Dezember vergangenen Jahres hatte sie die Kommission in ihre bundesweite Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. „Damit hat die UNESCO-Kommission die weltweit einzigartige Stellung der deutschen Orchester und Theater weiter gestärkt“, sagte Gerald Mertens in seiner Laudatio und überreichte die Urkunde zum Preis an DUK-Präsidentin Verena Metze-Mangold.

Die DOV verleiht den Preis seit dem Jahr 1979 alle drei Jahre für besondere Verdienste um die deutsche Orchesterkultur. Preisträger in der Vergangenheit waren u.a. der baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth, WDR-Intendant Fritz Pleitgen, die Dirigenten Kurt Masur und Gerd Albrecht sowie im Jahr 2012 Irene Schulte-Hillen, Präsidentin der Deutschen Stiftung Musikleben. Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert.

Den Sonderpreis erhielt Barbara Lambrecht-Schadeberg. Die Mitgesellschafterin der Krombacher Brauerei erhält ihn für ihr Engagement für die Musikstiftung der Philharmonie Südwestfalen und für ihre persönliche Unterstützung des Orchesters. Der Sonderpreis ist undotiert.