2018: Mehr Geld für Orchester und Theater!

Geht es der Wirtschaft schlecht und die Steuereinnahmen sinken, werden die öffentlichen Ausgaben im Kulturbereich als erstes gekürzt. Geht es der Wirtschaft gut und die Steuereinnahmen sprudeln, werden die Ausgaben im Kulturbereich als letztes erhöht. Dieser Eindruck drängt sich auf, wenn man die Entwicklung der letzten zehn Jahre verfolgt. Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009, vor allem ausgelöst durch die Banken- und Investmentkrise in den USA, war auch in der Kulturfinanzierung in Deutschland zu spüren. Nicht nur bei öffentlichen Kultureinrichtungen, auch bei zahlreichen Musikfestivals, die die Zurückhaltung von Sponsoren zu spüren bekamen.

Viele Orchester und Theater brauchen eine bessere Finanzierung – Staatstheater Schwerin (c) DOV

Im Moment sprudeln die Steuereinnahmen für Bund, Länder und Kommunen so gut wie schon lange nicht mehr. Die öffentlichen Kassen sind voll. Die Wirtschaft brummt. Arbeitskräfte werden knapp. Die Beschäftigungsquote in Deutschland ist so hoch wie seit 1990 nicht mehr. Und ist nun deswegen finanziell alles gut für die Orchester und Theater in Deutschland? Leider nein. Zwar kann man sich über neu eröffnete und renovierte Konzertsäle und Theatergebäude freuen. Auch ist der Bund erstmals mit dem Programm „Exzellente Orchesterlandschaft Deutschland“ verstärkt in die Finanzierung von Sonderprojekten regionaler Orchester eingestiegen. Ebenso gibt es vom Bund mehr Geld für die Stiftung Oper in Berlin und die Berliner Philharmoniker. In Nordrhein-Westfalen will die neue Landesregierung den Kulturhaushalt verdoppeln. Aber bei vielen Orchestern, vor allem in den fünf östlichen Bundesländern, die seit Jahren unter Haustarifverträgen arbeiten, in denen Musiker auf Vergütung verzichten, ist der neue Aufschwung noch nicht angekommen. Allein im Freistaat Sachsen klafft eine Finanzierungslücke von 12 bis 15 Millionen € bei den Personalkosten der Orchester und Theater.

Will der Staat glaubhaft bleiben, muss er neben notwendigen Investitionen, zum Beispiel in die digitale Infrastruktur, dort mehr Geld ausgeben, wo er in der Vergangenheit erkennbar zu stark gekürzt bzw. zu wenig erhöht hat. Im Freistaat Sachsen z.B. sind dies die Bereiche Bildung, Polizei, aber eben auch Kultur. Ausgerechnet in Sachsen, wo die Kultur per Gesetz im Jahr 1994 zur Pflichtaufgabe erklärt wurde, gibt es in Orchestern und Theatern im bundesweiten Vergleich die meisten Haustarifverträge mit Lohnverzicht der Beschäftigten. Diese Paradoxie muss ein Ende haben. Und zwar unverzüglich. Die DOV wird diesen Missstand gemeinsam mit den Betroffenen erneut anprangern. In der Hoffnung, dass die politisch Verantwortlichen den Hebel endlich umlegen und für eine auskömmliche Finanzierung der Orchester und Theater sorgen.

Gerald Mertens

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Thüringen: Früheres Parteivermögen zielgerichtet für Orchester und Theater einsetzen

Berlin – Die Deutsche Orchestervereinigung fordert, auch im Freistaat Thüringen die Mittel aus der Auflösung des Vermögens früherer DDR-Organisationen vor allem für strukturell unterfinanzierte Orchester und Theater einzusetzen. Hintergrund ist die erfolgte gerichtliche Klärung, wem die Zahlung der letzten Tranche der Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderausgaben zusteht. Die Anstalt verwaltete treuhänderisch das Vermögen der DDR-Parteien und -Organisationen. Insgesamt werden 185 Millionen Euro auf die östlichen Bundesländer verteilt.

Jenaer Philharmonie: Musiker verzichten auch hier auf Vergütung

Dem Landesfinanzministerium zufolge ist noch unklar, wann und wieviel Geld Thüringen erhalten wird. Im Haushaltsentwurf, den das Kabinett verabschiedete, seien jedoch entsprechende Vorkehrungen getroffen. Laut Absprache mit dem Bund müssen die Länder mit den zusätzlichen Mitteln Kultur oder Wirtschaft fördern. Mehr Geld brauchen vor allem die Orchester bzw. Musiktheater in Jena, Altenburg-Gera, Gotha-Eisenach, Saalfeld-Rudolstadt und Greiz-Reichenbach. Dort gelten noch immer Haustarife, mit denen die Musikerinnen und Musiker auf Teile ihres Gehalts verzichten.

„Besonders betroffen sind die Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach und die Vogtland Philharmonie Greiz Reichenbach“, sagt Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung. Die Musikerinnen und Musiker erhalten rund 20 bzw. 30 Prozent weniger als der Flächentarifvertrag vorschreibt. „Beide Orchester haben eine große Bedeutung in ihrer Region. Die DOV kämpft für eine gerechte und faire Entlohnung der Musikerinnen und Musiker“, sagt Mertens. „Zusätzliche Mittel aus der Vermögensauflösung früherer DDR-Organisationen können hier zielgerichtet eingesetzt werden.“

 

Deutsche Orchesterkonferenz 2015: Kommunen finanziell stärken

Zur Deutschen Orchesterkonferenz haben sich am 5. Mai 2015 Musikerinnen und Musiker, Orchestermanager und Intendanten sowie Spitzenvertreter aus Politik, Verwaltung und Verbänden getroffen. Gemeinsam diskutierten sie über die Zukunft der deutschen Orchester.

Deutsche Orchesterkonferenz im Kurfürstlichen Schloß Mainz

Deutsche Orchesterkonferenz im Kurfürstlichen Schloß Mainz

„In der Verteilungsdebatte haben die Orchester gute Argumente. Aber es gibt auch Fragezeichen“, sagte Walter Schumacher, Staatsekretär im Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz, in seinem Grußwort. „Ich weiß, was viele Orchester an Innovation leisten. Deshalb haben sie auch Perspektiven.“ Ziemlich treffend umriss er damit gleich zu Beginn das Konferenzthema. Unter dem Motto Innovation und Perspektive diskutierten im Kurfürstlichen Schloss Mainz rund 220 Gäste über die Zukunft der öffentlich finanzierten Orchester, Rundfunkensembles und Theater. Die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) veranstaltet die hochkarätige kulturpolitische Konferenz alle drei Jahre.

Innovation und Perspektive – Zukunftsdialog für Theater, Orchester und Rundfunkensembles

Nach der Begrüßung der Teilnehmer durch den DOV-Vorsitzenden Hartmut Karmeier und Geschäftsführer Gerald Mertens umriss Holger Noltze, Professor für Musik und Medien an der Technischen Universität Dortmund, die disparaten Rahmenbedingungen. Zwar werde die Wertschätzung von Musik in vielen öffentlichen Reden deklamiert. Doch allzu oft spiegele sich dies nicht in der politischen Praxis wider. Neben einem anhaltenden Verteilungskampf um kulturelles und ökonomisches Kapital warnte er vor einem „Cocktail diverser und insgesamt negativer Einflussfaktoren“. Dazu zählte Noltze unter anderem den „Wagenburg-Lobbyismus des Musikbereichs“, das Verschwinden des klassischen Bildungsbürgertums, die „durchschlagende Ökonomisierung“ des Kulturbereichs, die „zunehmende Selbstvergessenheit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Bezug auf seinen Kulturauftrag“ und einen „Affekt gegen Hochkultur“. Es gebe aber auch gute Argumente: „Machen Sie deutlich, warum ein Orchester so wichtig in einer Stadt ist und justieren Sie sich neu jenseits der alten Selbstverständlichkeiten!“

In diesem Sinne agierten Orchester bereits, konterte Professor Christian Höppner, Präsident des Deutschen Kulturrats (DKR), der durch die folgende Diskussion über Kulturfinanzierung führte. Karmeier stimmte zu: „Der Beruf des Orchestermusikers und die Werte, für die er steht, haben sich in den letzten zwanzig Jahren enorm geändert.“ Neue Konzertformate bis hin zu Willkommenskonzerten für Flüchtlinge belegen das.

„Seit den 70er und 80er Jahren ist das Interesse in den politischen Gremien deutlich zurückgegangen“, sagte Professor Felix Semmelroth, Kulturdezernent in Frankfurt am Main. Es gebe eine „deutliche Ökonomisierung“. Das betreffe allerdings nicht das Publikum. Als „gutes Zeichen“ wertete Rolf Bolwin, geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins, dass jedes Jahr 2,5 Milliarden Euro in die öffentliche Kulturfinanzierung fließen: „Ich kann nicht erkennen, dass diese Summe zur Disposition steht. Dennoch müssen wir von dem überzeugt sein, was wir machen.“

Karmeier machte deutlich, dass die Kommunen als Hauptträger der Orchester und Theater oft in finanziellen Zwangslagen sind. „Ihre finanzielle Entlastung durch den Bund ändert leider nichts an den grundlegenden Strukturproblemen. Deshalb brauchen wir dringend eine kommunale Finanzreform.“ Auf dem Podium wurde überlegt, ob sich Verbände wie der Bühnenverein, die DOV und der DKR künftig gemeinsam stärker für eine solide Finanzierung der Kommunen einsetzen könnten.

Einen neuen Weg hat Sachsen bereits vor einigen Jahren mit der Verabschiedung des Kulturraumgesetzes gesucht. Das Gesetz definiert Kultur als Pflichtaufgabe und beteiligt das Land mit zwei Dritteln an der Finanzierung. Das verbleibende Drittel steuern die Kommunen über eine Umlage bei. „Das Land stützt damit dezentrale Strukturen“, sagte Uwe Gaul, Staatssekretär im Sächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur. „Faktisch sind die meisten Mittel im Bereich Theater und Orchester gebunden. Für neue Projekte ist relativ wenig Luft.“

Die Befürchtung von Kulturpolitikern und kulturellen Akteuren, dass mit einem solchen Gesetz konkrete Ausgaben festgeschrieben und im Laufe der Zeit möglicherweise gesenkt werden, hat bislang verhindert, dass das Sächsische Modell von anderen Ländern übernommen wurde. „Es eignet sich nicht unbedingt als Blaupause, die der kulturellen Vielfalt in den Ländern gerecht wird“, lautete Höppners Zwischenbilanz.

Eine Idee des Deutschen Musikrats (DMR) brachte Karmeier ins Spiel, der auch Vizepräsident des Verbandes ist: „Der Bund könnte einen Musikfonds einrichten.“ Vor allem in Ostdeutschland gebe es bereits Bundesprogramme zur nationalen Kulturförderung, bei denen der Bund in der Kulturförderung aktiv ist. „Das Geld ist vorhanden. Es müsste aber auch der politische Wille da sein.“ Für Semmelroth wäre die Festschreibung von Kulturausgaben ein realistischer Weg. Erwähnung fand auch der Vorschlag von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), den Anteil der Kommunen an den Einnahmen aus der Umsatzsteuer zu erhöhen.

Nach der TTIP-kritischen Performance der DOV am 4. Mai, die in den Medien bundesweit große Beachtung gefunden hatte, wurde ausführlich über das Transatlantische Handelsabkommen diskutiert. Trotz unterschiedlicher Auffassungen im Detail herrschte Einigkeit, dass der Kulturbereich nicht kommerzialisiert werden darf und bei den Verhandlungen mehr Transparenz notwendig ist. Während die DOV und der DKR nach der Devise Wehret den Anfängen handeln und sich öffentlichkeitswirksam positionieren, setzt der Bühnenverein eher auf ein gesundes Augenmaß bei den Verhandlungen, das einer Aushöhlung des Kultursektors entgegenstünde. „Europäische Kulturen haben immer wieder ein hohes Maß an Resistenz bewiesen. Das wird hoffentlich auch dieses Mal so sein“, sagte auch Semmelroth.

Unter dem Motto Zwischen Kulturauftrag und Haushaltsabgabe stand die Diskussion am Nachmittag, in der es um die ARD-Rundfunkklangkörper ging. „Sie haben weiter einen festen Platz im programmbezogenen Rundfunksystem“, sagte Matthias Cornils, Professor für Medienrecht an der Universität Mainz. Ihr Wirken sei gesetzlich klar legitimiert. Allerdings habe die Einführung der Rundfunkgebühr den Druck auf die Rundfunkorchester erhöht. „Zudem stößt unter sich ändernden Rahmenbedingungen eine weitere Auslegung ihres Auftrags noch auf legitimatorische Grenzen.“ Dennoch werde der Bildungsauftrag der Klangkörper bedeutender. Das Dvorak- und das Gershwin-Projekt setzen in diesem Bereich Maßstäbe.

Der Wissenschaftler nennt auch die Verbreitung von Konzerten über Youtube, die kaum eine Konkurrenz zu privaten Anbietern darstellten. Der Hessische Rundfunk unterhält einen Youtube-Kanal und sei damit erfolgreich, sagte Dr. Heinz Sommer, Hörfunkdirektor des Hessischen Rundfunks, in der folgenden Podiumsdiskussion. „Ich glaube, dass diese Art der weltweiten Verbreitung immer wichtiger wird.“ Andere Sender würden ebenfalls über eine Einführung nachdenken. Begrenzt würden innovative Angebote allerdings durch finanzielle Mittel.

 

Christian Höppner forderte eine „bedarfsgerechte Finanzierung“ des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. „Mir ist klar, dass das gesellschaftspolitisch ein schwieriger Akt ist.“ Das zeige zum Beispiel die Debatte um Werbeinnahmen, die unter anderem im Deutschen Kulturrat geführt wird. Sommer sagte voraus, dass sich die Rolle der Werbung in Zukunft stark verändern werde. Einen konkreten Ausblick gab er nicht.

Einen inhaltlich größeren Bogen schlug Kristjan Järvi, Künstlerischer Leiter des mdr-Sinfonieorchesters Leipzig. Er wies auf die weltweit einzigartige Rolle des deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems hin. „Sie sollte weiter ausgebaut und nicht gekürzt werden.“

Den feierlichen Abschluss der Deutschen Orchesterkonferenz bildete die Verleihung des Hermann-Voss-Kulturpreises. Die DOV überreichte ihn in diesem Jahr an die Deutsche UNESCO-Kommission (DUK) für ihre Verdienste um die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft. Im Dezember vergangenen Jahres hatte sie die Kommission in ihre bundesweite Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. „Damit hat die UNESCO-Kommission die weltweit einzigartige Stellung der deutschen Orchester und Theater weiter gestärkt“, sagte Gerald Mertens in seiner Laudatio und überreichte die Urkunde zum Preis an DUK-Präsidentin Verena Metze-Mangold.

Die DOV verleiht den Preis seit dem Jahr 1979 alle drei Jahre für besondere Verdienste um die deutsche Orchesterkultur. Preisträger in der Vergangenheit waren u.a. der baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth, WDR-Intendant Fritz Pleitgen, die Dirigenten Kurt Masur und Gerd Albrecht sowie im Jahr 2012 Irene Schulte-Hillen, Präsidentin der Deutschen Stiftung Musikleben. Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert.

Den Sonderpreis erhielt Barbara Lambrecht-Schadeberg. Die Mitgesellschafterin der Krombacher Brauerei erhält ihn für ihr Engagement für die Musikstiftung der Philharmonie Südwestfalen und für ihre persönliche Unterstützung des Orchesters. Der Sonderpreis ist undotiert.

Bad Reichenhaller Philharmonie im Warnstreik

Die Mitglieder der Bad Reichenhaller Philharmonie haben die Nase voll: Seit Jahren lehnt der Orchester-Trägerverein Gespräche über einen vernünftigen Tarifvertrag ab. Warnstreiks sollen jetzt die Gesprächsbereitschaft der Arbeitgeberseite endlich erhöhen.

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Hintergrund: Die Musiker werden bislang nur mit einseitig vom Arbeitgeber formulierten Einzelarbeitsverträgen beschäftigt. Hierbei wurde bislang auf einzelne, alte Bestimmungen des Tarifvertrages für Musiker in Kulturorchestern (TVK) und auf den ebenfalls überholten Tarifvertrag für die Mitglieder von Kurkapellen Bezug genommen. Wiederholten Gesprächsbitten und Verhandlungsvorschlägen der DOV für aktuelle und auf die örtlichen Verhältnisse konkret angepasste Arbeitsbedingungen hat sich die Arbeitgeberseite bislang entzogen.

Hier geht es zur örtlichen Presseberichterstattung.

Einmal Mäck-Pomm, aber bitte ohne Ketchup… – Warum das OrchesterlanD gefährdet ist

Wir zählen sie nicht mehr, die Brandmeldungen, Pressemeldungen und DOV-Brennpunkte, die wir in den vergangenen Jahren der Kulturpolitik in Mecklenburg-Vorpommern (im Volksmund: „Mäck-Pomm“) gewidmet haben. Kein Wunder bei diesen, im „Kulturstaat“ Deutschland dem Grunde nach inakzeptablen Rahmenbedingungen. Man kann es nicht oft genug betonen: Die Zuschüsse des Landes für die Theater und Orchester sind seit 1994 bis 2020 (also über 26 Jahre!) eingefroren. D.h. im Umkehrschluss, dass die die Theater und Orchester tragenden Kommunen im Land alle Kostensteigerungen allein schultern mussten, was sie naturgemäß überfordert hat.

M-V macht's möglich: Wenn Theater "Rost" ansetzen

M-V macht’s möglich: Wenn Theater „Rost“ ansetzen

Das Ergebnis waren Auflösungen, Fusionen und Verkleinerungen der Theater und Orchester, einhergehend mit einem massiven Personalabbau. Dies alles hat das Land billigend in Kauf genommen. Es ist noch nicht lange her, da wollte man aus den verbliebenen vier Orchestern (Schwerin, Rostock, Greifswald-Stralsund und Neubrandenburg-Neustrelitz) durch erneute Fusionen ein Orchester im Westen und eines im Osten übrig lassen. Nachdem sich die Hansestadt Rostock diesen Plänen aber hartnäckig verweigert hat, bleiben die Standorte Schwerin und Rostock eigenständig bestehen. Die Mecklenburgische Staatskapelle zahlt hierfür einen hohen Preis, nämlich u.a. mit einem weiteren Abbau auf 58 Orchesterplanstellen, allerdings ohne erneute Kündigung. Auch das Volkstheater Rostock und die Norddeutsche Philharmonie sehen sich, begleitet durch Austritt der Träger GmbH aus dem kommunalen Arbeitgeberverband und dem Deutschen Bühnenverein, von der Flächentarifentwicklung abgekoppelt. Das Rostocker Orchester will aber zumindest eine Absicherung seiner Größe und der Vergütungen durch einen Haustarifvertrag erreichen. Das unsägliche Pokerspiel zwischen Land und Kommunen wurde auf die örtliche Ebene zwischen Stadt, Volkstheater GmbH und Beschäftigte verlagert.

Das Land Mäck-Pomm setzt seinen Umstrukturierungskurs, inhaltlich begleitet von der Münchner Unternehmensberatung Metrum, nun im Ostteil des Landes fort (Foto). Die Neubrandenburger Philharmonie, die mit ihrer Konzertkirche über einen überregional einzigartigen Konzertsaal verfügt, und die Philharmonie Vorpommern (Philharmonisches Orchester Greifswald-Stralsund) sollen auf 60 bzw. 38 Musiker verkleinert, fusioniert und anschließend in diesem Basisgrößen getrennt an ihren bisherigen Standorten eingesetzt werden. So jedenfalls die Planungen am Reißbrett. Dass das Zusammenführen eines Konzertorchesters mit einem Opernorchester bei Parallelbespielung eine künstlerische und inhaltliche Herausforderung ist, hat sich inzwischen herumgesprochen. Offenbar noch nicht überall. Dumm auch, dass die Standorte Neubrandenburg, Neustrelitz gegenüber Greifswald und Stralsund nicht gerade um die Ecke liegen. Im Zweifelsfall würden die Musiker mehr Zeit auf der Autobahn, als im Orchestergraben oder auf der Konzertbühne verbringen.

Die DOV hat auch diesen neuerlichen Fusion- und Abbauplänen vehement widersprochen und wird die Diskussion um den Erhalt zweier selbstständiger Orchesterstandorte in spielfähiger Größe im Südosten und Nordosten von Mecklenburg-Vorpommern auch zum Spielzeitbeginn mit Landes- und Kommunalpolitik intensiv fortführen.

Gerald Mertens

Vorabveröffentlichung eines Beitrages, der Ende August 2014 im DOVmagazin 5/2014 als „Brennpunkt“ erscheint

Wer als Minister Kultur schädigt, braucht auf den Spott nicht zu warten

Von Loriot alias Vicco von Bülow stammt der Spruch: „Der beste Platz für Politiker ist das Wahlplakat. Dort ist er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen.“ Normalerweise sieht man entsprechende Wahlplakate (auch aus rechtlichen Gründen) nur während des Wahlkampfes bis wenige Tage nach der Wahl, dann müssen sie entfernt werden.

Der Bildungsminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Mathias Brodkorb, auch für die Theater und Orchester zuständig, wollte aus dieser Not offenbar eine Tugend machen und bot den Bürgern seines Landes im Sommerloch auf großen Plakaten einen Hausbesuch zum Kaffee an, er würde dann den Kuchen mitbringen…

Wer anderen (hier: den Theatern und Orchester und ihren Beschäftigten im Land M-V) durch Einfrieren der Landesmittel von 1994 bis 2020 (!) empfindlichen Schaden zufügt, dadurch Haustarifverträge, Vergütungsverzicht und fortschreitenden Stellenabbau erzwingt, braucht auf den Spott nicht lange zu warten. Das Plakat am Doberaner Platz in Rostock jedenfalls wurde dezent verändert:

Brodkorb, der Theatetschließer?

Brodkorb, der Theaterschließer?

Brennpunkte der deutschen Orchesterlandschaft

Wer 24 Stunden lang laut „Feuer“ ruft, der darf sich nicht wundern, wenn die Feuerwehr beim zweiten Mal nicht mehr kommt…

„Daueralarmismus“ liegt uns fern, allerdings: Seit 1990 hat es zahlreiche Strukturveränderungen, Orchesterfusionen, -verkleinerungen, -auflösungen oder -insolvenzen und damit oftmals schmerzliche Einschnitte für die deutschen Orchester und ihre Mitglieder gegeben. Viele Musikerinnen und Musiker, alle meist Hochschulabsolventen, haben ihre Jobs verloren, wurden arbeitslos, haben umgeschult. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht absehbar. Zukunftshoffnungen für Tausende Musikstudierende an 24 Musikhochschulen in Deutschland werden vernichtet und in Frage gestellt.

Ganz aktuell und in Stichworten:

Die Mitglieder der Mecklenburgischen Staatskapelle Schwerin (gegründet 1553) sollen nach Beschluss des Landes M-V und der Landeshauptstadt Schwerin auf 25 Prozent der Vergütung verzichten und von gegenwärtig 68 Stellen noch weiter auf 58 verkleinert werden. 1993 hatte dieses Orchester nach Teilfusion mit der ehem. Schweriner Philharmonie noch über 100 Stellen.

Die Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz soll auf rund 14 Prozent der Vergütung verzichten und von gegenwärtig 99 auf 86 Stellen verkleinert werden. Die Orchestermitglieder verzichten durch Haustarifvertrag bereits durchgängig seit 1999 auf Vergütung.

Der Staatskapelle Halle und der Theater und Orchester GmbH Halle droht die Insolvenz. Die Orchestermitglieder verzichten seit Jahren in einem Haustarifvertrag auf Gehalt. Das Orchester wurde bereits 2006 aus dem Orchester des Opernhauses Halle und dem Philharmonischen Staatsorchester Halle zur Staatskapelle Halle mit 155 Planstellen fusioniert. Bis heute sind davon rund 30 Musikerstellen abgebaut worden.

Die Anhaltische Philharmonie Dessau und das Anhaltische Theater sind massiv von den Kürzungen des Kulturetats des Landes Sachsen-Anhalt bedroht. Die Musiker verzichten durch Haustarifvertrag bereits seit vielen Jahren zu Erhalt ihrer Arbeitsplätze auf Geahlt. Dennoch droht ihnen jetzt Abwicklung und/oder Fusion mit der Staatskapelle Halle.

Die Landeskapelle Eisenach ist vor wenigen Jahren von 42 auf 24 Stellen zuammengestrichen worden. Die endgültige Abwicklung konnte 2012 abgewendet werden. Die Orchestermitglieder haben seit vielen Jahren keine Lohnerhöhungen, keinen Inflationsausglieich mehr bekommen und erleiden daher einen massiven Reallohnverlust.

Die Hamburger Symphoniker sind von Insolvenz bedroht, wenn die Freie und Hansestadt Hamburg nicht das aufgelaufene Defizit übernimmt. Die Finanzlücke war entstanden, da die Hansestadt die zweite Stufe einer ursprünglich zugesagten Etataufstockung nicht mehr gezahlt hatte.

Die Bergischen Symphoniker, Orchester der Städte Remscheid und Solingen, verzichten seit Sommer 2013 durch Haustarifvertrag für insgesamt zehn (!) Jahre auf eine tarifliche Zuwendung (13. Monatsgehalt).

Das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR und das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg sollen 2016 am Standort Stuttgart fusioniert werden. Hierdurch werden rund 80 hochwertige Arbeitsplätze für den Orchesternachwuchs verloren gehen.