Orchester in Deutschland – ein Überblick

Die Orchesterszene in Deutschland ist in ihrer Tradition und Vielfalt weltweit einzigartig. Wussten Sie zum Beispiel, dass das älteste, bis heute durchgängig existierende deutsche Orchester bereits 1502 gegründet wurde? Oder dass die deutsche Orchester- und Theaterlandschaft seit Dezember 2014 auf der nationalen Liste des immateriellen Kultuerbes der Deutschen UNESCO Kommission steht?

Aktuelle Orchesterstrukturkarte (c) DMR-MIZ

Aktuelle Orchesterstrukturkarte (c) DMR-MIZ

Hierüber und über zahlreiche andere Fakten, Zahlen und Entwicklungen der Orchesterlandschaft veröffentlicht das Deutsche Musikinformationszentrum in Bonn einen regelmäßig aktualisierten Fachartikel sowie Zahlentabellen und Grafiken.

Der Überblick über die deutsche Orchesterlandschaft wurde gerade zum 1. Juni 2016 neu überarbeitet und ist hier zu finden: http://www.miz.org/static_de/themenportale/einfuehrungstexte_pdf/03_KonzerteMusiktheater/mertens.pdf

 

Kulturerbe Deutsche Orchesterlandschaft – Logo nutzen!

Vor einem Jahr wurde die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft auf Betreiben der Deutschen Orchestervereinigung und unter Kooperation von Deutschem Musikrat und Bühnenverein von der Deutschen UNESCO-Kommission in die nationale Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Das wurde in einer breiteren Öffentlichkeit, in den Medien und der Politik wahrgenommen; droht aber auch wieder in Vergessenheit zu geraten.

Daher sollten alle Orchester und Theater in Deutschland ein großes Interesse daran haben, den UNESCO-Titel stärker zu nutzen und in die Öffentlichkeit zu tragen. Für die Deutsche Theater- und Orchesterlandschaft wurde ein spezielles Logo entwickelt, welches von den verwendungsberechtigten Mitgliedern im Rahmen ihrer Öffentlichkeitsarbeit genutzt werden kann.

Das offizielle UNESCO-Logo

Das offizielle UNESCO-Logo

Das Logo kann als eps-Druck-Datei beim Generalsekretariat des Deutschen Musikrates angefordert werden (Generalsekretariat@musikrat.de). Das Logo sollte möglichst breit von vielen Orchestern und Theatern in Deutschland regelmäßig auf Spielzeitheften, Plakaten, Drucksachen und Flyern verwendet werden. Vor allem so kann in Verwaltung, Politik und Öffentlichkeit der besondere Kulturerbe-Status dokumentiert werden.

Weihnachtswunsch: Mehr Kulturpolitik mit Weitblick statt vorauseilender Gehorsam

Die Kulturpolitik einzelner Bundesländer schadet vor allem Orchestern und Theatern. Zu vielen Politikern fehlt die Empathie für das, was Orchester und Musik in der Gesellschaft bewirken. Der Berliner Zeichner Thilo Krapp nimmt erneut in diesem Sinne und aus aktuellem Anlass den Thüringer Kulturminister Benjamin Immanuel Hoff aufs Korn…

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Dagegen stehen die weitblickenden Aussagen des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zur Kulturverantwortung der öffentlichen Hand wie ein Fels in der Brandung. Diese Aussagen und Bekenntnisse kann man nicht oft genug wiederholen und weiter verbreiten. Das wünschen wir uns (nicht nur) zu Weihnachten.

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Deutsche Orchesterkonferenz 2015: Kommunen finanziell stärken

Zur Deutschen Orchesterkonferenz haben sich am 5. Mai 2015 Musikerinnen und Musiker, Orchestermanager und Intendanten sowie Spitzenvertreter aus Politik, Verwaltung und Verbänden getroffen. Gemeinsam diskutierten sie über die Zukunft der deutschen Orchester.

Deutsche Orchesterkonferenz im Kurfürstlichen Schloß Mainz

Deutsche Orchesterkonferenz im Kurfürstlichen Schloß Mainz

„In der Verteilungsdebatte haben die Orchester gute Argumente. Aber es gibt auch Fragezeichen“, sagte Walter Schumacher, Staatsekretär im Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz, in seinem Grußwort. „Ich weiß, was viele Orchester an Innovation leisten. Deshalb haben sie auch Perspektiven.“ Ziemlich treffend umriss er damit gleich zu Beginn das Konferenzthema. Unter dem Motto Innovation und Perspektive diskutierten im Kurfürstlichen Schloss Mainz rund 220 Gäste über die Zukunft der öffentlich finanzierten Orchester, Rundfunkensembles und Theater. Die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) veranstaltet die hochkarätige kulturpolitische Konferenz alle drei Jahre.

Innovation und Perspektive – Zukunftsdialog für Theater, Orchester und Rundfunkensembles

Nach der Begrüßung der Teilnehmer durch den DOV-Vorsitzenden Hartmut Karmeier und Geschäftsführer Gerald Mertens umriss Holger Noltze, Professor für Musik und Medien an der Technischen Universität Dortmund, die disparaten Rahmenbedingungen. Zwar werde die Wertschätzung von Musik in vielen öffentlichen Reden deklamiert. Doch allzu oft spiegele sich dies nicht in der politischen Praxis wider. Neben einem anhaltenden Verteilungskampf um kulturelles und ökonomisches Kapital warnte er vor einem „Cocktail diverser und insgesamt negativer Einflussfaktoren“. Dazu zählte Noltze unter anderem den „Wagenburg-Lobbyismus des Musikbereichs“, das Verschwinden des klassischen Bildungsbürgertums, die „durchschlagende Ökonomisierung“ des Kulturbereichs, die „zunehmende Selbstvergessenheit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Bezug auf seinen Kulturauftrag“ und einen „Affekt gegen Hochkultur“. Es gebe aber auch gute Argumente: „Machen Sie deutlich, warum ein Orchester so wichtig in einer Stadt ist und justieren Sie sich neu jenseits der alten Selbstverständlichkeiten!“

In diesem Sinne agierten Orchester bereits, konterte Professor Christian Höppner, Präsident des Deutschen Kulturrats (DKR), der durch die folgende Diskussion über Kulturfinanzierung führte. Karmeier stimmte zu: „Der Beruf des Orchestermusikers und die Werte, für die er steht, haben sich in den letzten zwanzig Jahren enorm geändert.“ Neue Konzertformate bis hin zu Willkommenskonzerten für Flüchtlinge belegen das.

„Seit den 70er und 80er Jahren ist das Interesse in den politischen Gremien deutlich zurückgegangen“, sagte Professor Felix Semmelroth, Kulturdezernent in Frankfurt am Main. Es gebe eine „deutliche Ökonomisierung“. Das betreffe allerdings nicht das Publikum. Als „gutes Zeichen“ wertete Rolf Bolwin, geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins, dass jedes Jahr 2,5 Milliarden Euro in die öffentliche Kulturfinanzierung fließen: „Ich kann nicht erkennen, dass diese Summe zur Disposition steht. Dennoch müssen wir von dem überzeugt sein, was wir machen.“

Karmeier machte deutlich, dass die Kommunen als Hauptträger der Orchester und Theater oft in finanziellen Zwangslagen sind. „Ihre finanzielle Entlastung durch den Bund ändert leider nichts an den grundlegenden Strukturproblemen. Deshalb brauchen wir dringend eine kommunale Finanzreform.“ Auf dem Podium wurde überlegt, ob sich Verbände wie der Bühnenverein, die DOV und der DKR künftig gemeinsam stärker für eine solide Finanzierung der Kommunen einsetzen könnten.

Einen neuen Weg hat Sachsen bereits vor einigen Jahren mit der Verabschiedung des Kulturraumgesetzes gesucht. Das Gesetz definiert Kultur als Pflichtaufgabe und beteiligt das Land mit zwei Dritteln an der Finanzierung. Das verbleibende Drittel steuern die Kommunen über eine Umlage bei. „Das Land stützt damit dezentrale Strukturen“, sagte Uwe Gaul, Staatssekretär im Sächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur. „Faktisch sind die meisten Mittel im Bereich Theater und Orchester gebunden. Für neue Projekte ist relativ wenig Luft.“

Die Befürchtung von Kulturpolitikern und kulturellen Akteuren, dass mit einem solchen Gesetz konkrete Ausgaben festgeschrieben und im Laufe der Zeit möglicherweise gesenkt werden, hat bislang verhindert, dass das Sächsische Modell von anderen Ländern übernommen wurde. „Es eignet sich nicht unbedingt als Blaupause, die der kulturellen Vielfalt in den Ländern gerecht wird“, lautete Höppners Zwischenbilanz.

Eine Idee des Deutschen Musikrats (DMR) brachte Karmeier ins Spiel, der auch Vizepräsident des Verbandes ist: „Der Bund könnte einen Musikfonds einrichten.“ Vor allem in Ostdeutschland gebe es bereits Bundesprogramme zur nationalen Kulturförderung, bei denen der Bund in der Kulturförderung aktiv ist. „Das Geld ist vorhanden. Es müsste aber auch der politische Wille da sein.“ Für Semmelroth wäre die Festschreibung von Kulturausgaben ein realistischer Weg. Erwähnung fand auch der Vorschlag von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), den Anteil der Kommunen an den Einnahmen aus der Umsatzsteuer zu erhöhen.

Nach der TTIP-kritischen Performance der DOV am 4. Mai, die in den Medien bundesweit große Beachtung gefunden hatte, wurde ausführlich über das Transatlantische Handelsabkommen diskutiert. Trotz unterschiedlicher Auffassungen im Detail herrschte Einigkeit, dass der Kulturbereich nicht kommerzialisiert werden darf und bei den Verhandlungen mehr Transparenz notwendig ist. Während die DOV und der DKR nach der Devise Wehret den Anfängen handeln und sich öffentlichkeitswirksam positionieren, setzt der Bühnenverein eher auf ein gesundes Augenmaß bei den Verhandlungen, das einer Aushöhlung des Kultursektors entgegenstünde. „Europäische Kulturen haben immer wieder ein hohes Maß an Resistenz bewiesen. Das wird hoffentlich auch dieses Mal so sein“, sagte auch Semmelroth.

Unter dem Motto Zwischen Kulturauftrag und Haushaltsabgabe stand die Diskussion am Nachmittag, in der es um die ARD-Rundfunkklangkörper ging. „Sie haben weiter einen festen Platz im programmbezogenen Rundfunksystem“, sagte Matthias Cornils, Professor für Medienrecht an der Universität Mainz. Ihr Wirken sei gesetzlich klar legitimiert. Allerdings habe die Einführung der Rundfunkgebühr den Druck auf die Rundfunkorchester erhöht. „Zudem stößt unter sich ändernden Rahmenbedingungen eine weitere Auslegung ihres Auftrags noch auf legitimatorische Grenzen.“ Dennoch werde der Bildungsauftrag der Klangkörper bedeutender. Das Dvorak- und das Gershwin-Projekt setzen in diesem Bereich Maßstäbe.

Der Wissenschaftler nennt auch die Verbreitung von Konzerten über Youtube, die kaum eine Konkurrenz zu privaten Anbietern darstellten. Der Hessische Rundfunk unterhält einen Youtube-Kanal und sei damit erfolgreich, sagte Dr. Heinz Sommer, Hörfunkdirektor des Hessischen Rundfunks, in der folgenden Podiumsdiskussion. „Ich glaube, dass diese Art der weltweiten Verbreitung immer wichtiger wird.“ Andere Sender würden ebenfalls über eine Einführung nachdenken. Begrenzt würden innovative Angebote allerdings durch finanzielle Mittel.

 

Christian Höppner forderte eine „bedarfsgerechte Finanzierung“ des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. „Mir ist klar, dass das gesellschaftspolitisch ein schwieriger Akt ist.“ Das zeige zum Beispiel die Debatte um Werbeinnahmen, die unter anderem im Deutschen Kulturrat geführt wird. Sommer sagte voraus, dass sich die Rolle der Werbung in Zukunft stark verändern werde. Einen konkreten Ausblick gab er nicht.

Einen inhaltlich größeren Bogen schlug Kristjan Järvi, Künstlerischer Leiter des mdr-Sinfonieorchesters Leipzig. Er wies auf die weltweit einzigartige Rolle des deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems hin. „Sie sollte weiter ausgebaut und nicht gekürzt werden.“

Den feierlichen Abschluss der Deutschen Orchesterkonferenz bildete die Verleihung des Hermann-Voss-Kulturpreises. Die DOV überreichte ihn in diesem Jahr an die Deutsche UNESCO-Kommission (DUK) für ihre Verdienste um die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft. Im Dezember vergangenen Jahres hatte sie die Kommission in ihre bundesweite Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. „Damit hat die UNESCO-Kommission die weltweit einzigartige Stellung der deutschen Orchester und Theater weiter gestärkt“, sagte Gerald Mertens in seiner Laudatio und überreichte die Urkunde zum Preis an DUK-Präsidentin Verena Metze-Mangold.

Die DOV verleiht den Preis seit dem Jahr 1979 alle drei Jahre für besondere Verdienste um die deutsche Orchesterkultur. Preisträger in der Vergangenheit waren u.a. der baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth, WDR-Intendant Fritz Pleitgen, die Dirigenten Kurt Masur und Gerd Albrecht sowie im Jahr 2012 Irene Schulte-Hillen, Präsidentin der Deutschen Stiftung Musikleben. Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert.

Den Sonderpreis erhielt Barbara Lambrecht-Schadeberg. Die Mitgesellschafterin der Krombacher Brauerei erhält ihn für ihr Engagement für die Musikstiftung der Philharmonie Südwestfalen und für ihre persönliche Unterstützung des Orchesters. Der Sonderpreis ist undotiert.

Gegen TTIP – 130 Musiker singen und musizieren „Ode an die Politik“ in Mainz

Mehr als 130 professionelle Musikerinnen und Musiker aus ganz Deutschland haben heute vor dem Kurfürstlichen Schloss in Mainz mit einer künstlerischen Performance und einer Resolution vor möglichen Gefahren des Transatlantischen Handelsabkommens TTIP und des Abkommens über den Handel mit Dienstleistungen (TiSA) gewarnt. Auf die Melodie der Schillerschen Ode an die Freude aus Beethovens 9. Sinfonie intonierten Sängerinnen und Sänger den TTIP-kritischen Text Wir sind keine Handelsware.

„Damit fordern wir die zuständigen Politiker auf, bei den Verhandlungen zu den verschiedenen Abkommen die gravierenden Bedenken des Kulturbereichs ernst zu nehmen“, sagt Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung (DOV). „Bislang wissen wir nicht, von welchen Regelungen der Kulturbereich konkret betroffen sein wird. Auf der Grundlage von völlig unklaren Fakten kann keine konstruktive und kritische Auseinandersetzung stattfinden. Genau die wollen wir aber führen.“

Zu der Aktion versammelten sich Musiker aus allen professionellen Konzert- und Opernorchestern, Rundfunkensembles sowie freie Musiker. Sie war der Auftakt der bis Donnerstag andauernden Delegiertenversammlung der DOV.

„Seit Dezember 2014 gehört die Theater- und Orchesterlandschaft zur bundesweiten Liste des Immateriellen Kulturerbes der Deutschen UNESCO Kommission“, sagt Mertens. „Auch das ist ein Grund, Orchester und Theater komplett aus dem Geltungsbereich von TTIP und anderen Abkommen auszuschließen.“

Zur Lage der Orchesternation: Deutsche Orchesterkonferenz am 5.5.15 in Mainz

Zur Deutschen Orchesterkonferenz kommen am 5. Mai 2015 im Kurfürstlichen Schloss Mainz über 200 Teilnehmer aus allen deutschen Orchestern und Rundfunkklangkörpern, aus Politik, Verwaltung, Kulturmanagement und Verbänden zusammen. Vorrangig geht es um die aktuellen Rahmenbedingungen der Finanzierung und die Zukunftsperspektiven der Orchester, Theater und Rundfunkensembles.

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Thema: Perspektiven der Orchester- und Theaterfinanzierung

Die Kulturfinanzierung, namentlich für Theater und Orchester, ist vorrangig Aufgabe von Ländern und Kommunen. Die unmittelbare Bundesbeteiligung in diesem Bereich beschränkt sich bislang auf wenige Einzelfälle (z.B. roc Berlin, Staatskapelle Berlin, Bayreuther Festspiele). Die Bundesländer haben die Kulturfinanzierung jeweils für sich völlig autonom geregelt. Im Rahmen der erneuten, aktuellen Versuchs der Neuordnung der Finanzstrukturen zwischen Bund und Ländern, der Umwidmung des Soli-Zuschlags, der Überlegungen und Forderungen einzelner Bundesländer zu einem Solidarpakt III stellt sich u.a. auch die Frage einer möglichen Verstärkung der Bundesbeteiligung für die Kulturfinanzierung.

Geht da was? Und mit welchen Instrumenten wem gegenüber? Oder ist die Kulturfinanzierung in dieser aktuellen Bund-Länder-Debatte nicht einmal ein Randthema? Sollte der Bund den Ländern zusätzliche Mittel mit Zweckbindung für die Kultur zur Verfügung stellen? (Im Bildungsbereich wurde das sogenannte „Kooperationsverbot“ gelockert.) Sollte der Bund die Kommunen im Bereich der Sozialausgaben entlasten, um damit zielgerichtet mehr Mittel für sogenannte „freiwillige Aufgaben“ freizusetzen. Wären hierfür konkrete Zweckbindungen zulässig, die beispielsweise namentlich Theater- und Orchester begünstigen würden? Welche Empfehlungen aus dem Abschlussbericht der Enquetekommission “Kultur in Deutschland“ vom Dezember 2007, die für den Theater- und Orchesterbereich relevant sind, sollten durch den Bund noch umgesetzt werden, um die allgemeinen Rahmenbedingungen zu verbessern? Steht da noch etwas auf der abzuarbeiten Liste oder schlummert der Abschlussbericht inzwischen eingestaubt in der Schublade?

Das Kulturraumgesetz des Freistaates Sachsen nimmt bei den unterschiedlichen Länderregelungen eine Sonderrolle ein, wurde in der Vergangenheit immer wieder gelobt, aber von keinem anderen Bundesland kopiert. Hat sich das Kulturraumgesetz bewährt? Oder hat der Freistaat Sachsen dadurch auch kulturpolitische Handlungsspielräume eingebüßt? Gibt es ein Idealmodell für die Kulturfinanzierung bzw. die Finanzierung von Theatern und Orchestern durch ein Bundesland? Und wie müsste es aussehen?

Seit Jahrzehnten beklagen kommunalen Spitzenverbände in Deutschland die strukturelle Unterfinanzierung der Kommunen. Themen wie Hartz IV, Wohngeld, Flüchtlingsunterbringung bestimmen in den letzten Jahren und Monaten die kommunale Finanzdebatte. Einzelne Bundesländer (zum Beispiel NRW oder Rheinland-Pfalz) führen kommunale Entschuldungsprogramme durch, verpflichten dabei die Kommunen aber gleichzeitig, ihre sogenannten “freiwilligen Aufgaben“ einzuschränken. Wo bleibt da noch Raum für eine selbstbestimmte örtliche Kulturfinanzierung? Welche Handlungsspielräume sind für die Kommunen verloren gegangen? Welche Handlungsspielräume können und müssen wiedergewonnen werden? Und wie und mit welchen Mitteln kann das geschehen?

Wie stellt sich vor diesen Hintergründen der Finanzierungstrukturen durch Bund, Länder und Kommunen die Lage der Theater und Orchester vor Ort da? Mit welchen Handlungs-Umsetzungszwängen sind die Rechtsträger vor Ort konfrontiert? Welche Mindestbedingungen müssen gegeben sein, um die Theater- und Orchesterlandschaft als immaterielles Kulturerbe zu erhalten, zu schützen und weiterzuentwickeln? Was bedeutet das in Zukunft auch für die Tarifparteien in diesem Bereich? Und wie müssen sich Theater und Orchester vor Ort inhaltlich aufstellen, um ihre Akzeptanz in Bevölkerung und Politik zu erhalten?

Thema: Rundfunkklangkörper

Die Gründung von Rundfunkklangkörpern erfolgte parallel zu Meilensteinen der geschichtlichen Entwicklung des Rundfunks. Der ersten Gründungswelle in den 1920 er Jahren folgte die zweite Welle nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Die deutsche Wiedervereinigung führte nach 1990 zu einer dritten Gründungs- und Umstrukturierungswelle, vor allem in Berlin und den neuen Bundesländern.

In den letzten drei Jahrzehnten gab es durchaus gravierende Strukturveränderungen bei Rundfunkklangkörpern, beispielsweise durch Fusion der beiden Orchester des hessischen Rundfunks, durch Fusion der Orchester aus Kaiserslautern und Saarbrücken zur Deutschen Radiophilharmonie, durch Abbau und Fusion von Klangkörpern im Zusammenhang mit der Neugründung des Mitteldeutschen Rundfunks sowie weitere Strukturveränderungen und Stellenkürzungen für Klangkörper in fast allen ARD-Anstalten. Besonders einschneidend ist die für Sommer 2016 bevorstehende Fusion des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden/Freiburg mit dem RSO Stuttgart.

Haben die Sender einen bloßen Programmauftrag, in dem die Entwicklung der Klangkörper eine bloße historische Fußnote oder Erweiterung ist? Oder haben die Sender – entsprechend entwickelt auch durch die rechtlichen Ausführungen des Bundesverfassungsgerichts – einen Kultur- und Bildungsauftrag?

Die Umstellung der Rundfunkgebühr auf eine Haushaltsabgabe zum 1. Januar 2013 hat zu deutlichen Mehreinnahmen geführt, welche den Rundfunkanstalten jedoch nicht zur Verfügung stehen. Die Rundfunkanstalten haben sich in den letzten Jahren ihrerseits bei Anmeldungen des Finanzbedarfs gegenüber der KEF eher zurückgehalten. Nach Absenkung der Haushaltsabgabe von 17,98 € auf 17,50 € pro Monat und nach mehreren Jahren gleichbleibender Zuweisungen für die Rundfunkanstalten trotz steigender Personal- und Sachkosten wird die Luft dünn. Betroffen von dieser Entwicklung sind vor allen Dingen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Der WDR beispielsweise ist gerade dabei 500 Stellen einzusparen, davon 80 in der Hörfunkdirektion und ein Volumen von 25 im Klangkörperbereich.

Wie kann unter diesen schwierigen Rahmenbedingungen innovativ und zukunftsorientiert gearbeitet werden? Welche Handlungsmöglichkeiten haben Senderleitungen und Hörfunkdirektionen? Bringen begrüßenswerte, flächendeckende neue Musikvermittlungsprojekte wie das Dvorak-Experiment 2014 oder das anstehende Gershwin-Experiment 2015 eine breitere Akzeptanz in den Rundfunkgremien und in der Medienpolitik? Wir sind die eigentlichen Entscheider für die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks? Die Gremien (Verwaltungsrat, Hörfunkrat) oder die Medienpolitiker der Länder? Welche Möglichkeiten und Potenziale sieht ein künstlerischer Leiter eines Ensembles in diesen Zusammenhängen? Wie, mit welchen Mitteln und Inhalten ist es möglich, die Akzeptanz für den Unterhalt und den Erhalt von Rundfunkklangkörpern zu verbreitern?

Droht dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein Verlust der Werbeeinnahmen ohne Kompensation aus Gebührenmitteln? Wie entwickelt sich das Verhältnis zu den Privatsendern? Welche Chancen, Risiken und Potenziale bietet die Entwicklung des Internet? Was bedeutet die Entwicklung der Trimedialität eigentlich für die Rundfunkklangkörper? Warum gibt es bislang nur beim Hessischen Rundfunk einen Orchester-YouTube Kanal?

Hier geht es zum Programm und zu Anmeldung.

Immaterielles Kulturerbe: Welche deutschen Nominierten sind die ersten?

Ab November 2014 wird es spannend: Wie lautet die deutsche Vorentscheidung für die ersten zwei Anmeldungen zum Immateriellen Kulturerbe an die UNESCO-Zentrale in Paris?

Festspielhaus Bayreuth

Festspielhaus Bayreuth – Ein Hort der deutschen Orchestertradition und des deutschen Orchesterklanges: Bald als Kulturerbe anerkannt?

Erst seit 2013 – und damit sehr viel später als zahlreiche andere Länder – ist Deutschland Vertragsstaat des UNESCO-Übereinkommens zum immateriellen Kulturerbe. Das Übereinkommen fördert und erhält in allen Weltregionen überliefertes Wissen, Können und Alltagskulturen. Das bundesweite Verzeichnis ist ein Beitrag zur Umsetzung des Übereinkommens in Deutschland. Nominierungen für die internationalen Listen des immateriellen Kulturerbes können frühestens 2015 nach dem deutschen Auswahlverfahren bei der UNESCO in Paris eingereicht werden.

„Mit dem bundesweiten Verzeichnis gibt es erstmals eine Wertschätzung des immateriellen Kulturerbes in Deutschland. Die Bewerbungen zeigen, wie breit gefächert die Ausdrucksformen bei uns sind“, meint Christoph Wulf, Vizepräsident der Deutschen UNESCO-Kommission und Vorsitzender des Expertenkomitees Immaterielles Kulturerbe. Wissen und Können werde seit Jahrhunderten von Generation zu Generation weitergegeben. „Veränderung gehört zu diesen Kulturformen. Gelebte Traditionen sollen erhalten, fortgeführt und weiterentwickelt werden“, so Wulf.

Eine Vorauswahl aus insgesamt 128 Bewerbungen von Verbänden, Vereinen und Einzelpersonen haben die Bundesländer getroffen. Danach standen für das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes 83 Vorschläge in der engeren Wahl. Darunter sind alle Bereiche, die in dem UNESCO-Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes genannt werden: 29 Bräuche, Rituale und Feste, 19 darstellende Künste, 19 Handwerkstraditionen und 13 Formen des Wissens im Umgang mit der Natur und dem Universum. Drei Vorschläge sind mündliche Erzähltraditionen.

Anwärter sind unter anderem die Sage „Der Rattenfänger von Hameln“, der Musikinstrumentenbau im Vogtland oder der Segelflug auf der Wasserkuppe. Der Vorschlag des Deutschen Bühnenvereins, die deutscher Orchester- und Theaterlandschaft aufzunehmen, vor allem unter dem Aspekt des Ensembletheaters (Stadttheater), und der Vorschlag des Deutschen Musikrats, die deutsche Orchesterlandschaft (Orchesterklang und -tradition) zu schützen, werden inzwischen zusammengefasst behandelt.

Das Expertenkomitee Immaterielles Kulturerbe der Deutschen UNESCO-Kommission (DUK) begutachtete von Juni bis Oktober 2014 die Vorschläge und gibt Empfehlungen für das bundesweite Verzeichnis. Die Anzahl der Aufnahmen in das bundesweite Verzeichnis ist nicht beschränkt. Nach Bestätigung durch die staatlichen Stellen sollen voraussichtlich im Dezember die ersten Einträge vorgestellt werden. Am Ende der letzten Auswahlrunde stehen je zwei Vorschläge pro Bundesland, also insgesamt 32. Hinzu kommen zwei weitere, länderübergreifende Vorschläge. Aus diesen 34 Vorschlägen schließlich erfolgt die Auswahl und offizielle Anmeldung von zunächst zwei Vorschlägen für die Eintragung in das internationale UNESCO Verzeichnis.

Das ist ein langes und aufwändiges Verfahren. Was bringt es am Ende? Diejenigen zwei „siegreichen“ Vorschläge, die es als erste in das internationale Verzeichnis schaffen, erzielen damit gewiss eine große Aufmerksamkeit. Diese wird auch international wahrgenommen werden; hat man sich doch in Fachkreisen immer wieder gewundert, warum ausgerechnet Deutschland als ausgesprochenes „Kulturland“ so lange mit der Unterzeichnung dieser internationalen Übereinkunft gewartet hatte. Ein hohes Renommee für die ersten beiden „Sieger“ ist also garantiert. Was aber geschieht mit den Vorschlägen aus der Vorauswahl, die es nicht im ersten Anlauf auf die internationale Liste schaffen? Nun, sie stehen jedenfalls auf der nationalen Liste. Auch das ist immerhin schon ein wichtiges Signal. Es gibt also eigentlich keine „Sieger“ und „Verlierer“, sondern nur unterschiedlich platzierte Gewinner.

Wer sich auf der nationalen Liste wiederfindet, ragt damit aus den ursprünglich 128 Vorschlägen heraus. Bereits dadurch ist eine Anerkennung und Wertschätzung im Sinne der UNESCO-Konvention verbunden. Um die öffentliche Wahrnehmung zu stärken kommt es dann darauf an, was die Beteiligten aus diesem Status machen. Die Deutsche UNESCO-Kommission ist ebenso wie die Verbände, Bundesländer und Kommunen gut beraten, wenn auch die Eintragungen der Vorschläge auf der nationalen Liste angemessen hervorgehoben, beworben und gewürdigt werden. Ähnlich wie bei vielen UNESCO -Welterbestätten durch die Anerkennung ein Marketing- und Tourismusfaktor generiert wurde, scheint dies auch beim immateriellen Kulturerbe durchaus eine mögliche und wünschenswerte Option.

Ein weiterer Punkt kann als sicher gelten: Die durch das erstmalig in Deutschland mögliche Antragsverfahren in Gang gesetzte Debatte, was denn eigentlich ein erhaltens- und schützenswertes immaterielles Kulturerbe ist, kommt allen zu Gute. Sie hat schon jetzt ein breiteres Bewusstsein dafür geschaffen, was uns kulturelle Bräuche und Traditionen auch in Deutschland wert sein müssen. Und diese Debatte wird weitergehen, denn: nach dem Antragsverfahren ist vor dem Antragsverfahren. Die nächste Runde kommt bestimmt. Dann können alle Vorschläge, die es im ersten Anlauf nicht nach Paris geschafft haben, erneut antreten.

Gerald Mertens

Dieser Artikel erscheint auch gedruckt in „politik & kultur“ – 6/2014