Konzerthaus Berlin führt Augmented Reality-App ein

Gemeinsam mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin entwickelt das Konzerthaus seit August 2016 innovative Vermittlungskonzepte für klassische Musik im digitalen Raum. Die Schwerpunkte liegen dabei zum einen auf dem Eintauchen in virtuelle Welten, Virtual Reality (VR), und zum anderen auf der Erweiterung der Realität durch virtuelle Elemente, sogenannte Augmented Reality (AR). Das dreijährige Projekt Virtuelles Konzerthaus wird durch den Europäischen Fond für regionale Entwicklung gefördert (EFRE). Der Fokus der Projektarbeit liegt darauf, neue Zugänge zur Klassik zu schaffen und diese interaktiv zu vermitteln.

Konzerthaus Berlin goes App (c)Konzerthaus

Nach einer im September 2015 erfolgreich eingeführten Virtual-Reality-Anwendung, bei der die Besucher einen 360°-Blick mitten in das Konzerthausorchester Berlin werfen können, schöpft das Konzerthaus Berlin weiter die innovativen Möglichkeiten der Digitalisierung aus. Wer sich die interaktive AR-App „Konzerthaus Plus“ auf sein Smartphone lädt, kann in der neuen Saisonbroschüre, auf besonderen Postkarten und bald auch im Vestibül des Konzerthaus Berlin digital erweiterte Räume entdecken und damit multimedial noch mehr erfahren, hören und erleben. Ein Audioplayer zum Cellisten Mstislaw Rostropowitsch, ein 3D-Modell des Hauses oder eine interaktive Landkarte für das im Februar 2018  stattfindende Festival Baltikum sind unter anderem über die App abrufbar. Weiterer Content wird stetig produziert.

„Konzerthaus Plus“ im App Store oder Google Play Store. Der Download der App ist kostenfrei. Verfügbar ab Android 5.0 & iOS 10.

Video-Demo der App

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ELBPHILHARMONIE: NEUE WEBSITE LÄDT ZUM DIGITALEN ERLEBEN EIN

Es wird spannend: Ab sofort lässt sich die Elbphilharmonie Hamburg auf einer neuen Online-Plattform digital erleben. Die Website https://countdown.elbphilharmonie.de macht das Konzerthaus, seine besondere Architektur und einmalige Lage schon vor der Eröffnung im Januar 2017 virtuell erlebbar und ergänzt damit die offizielle Internetseite www.elbphilharmonie.de, auf der weiterhin alle Informationen über das Haus, sein musikalisches Programm und den Ticketkauf zu finden sind.

Die Elbphilharmonie: Neues Wahrzeichen für Hamburg (c) Maxim Schulz

Die Elbphilharmonie: Neues Wahrzeichen für Hamburg (c) Maxim Schulz

Die Architektur der Elbphilharmonie und ihre schillernde Glasfassade sind die Stars eines rasanten Drohnenrennens auf https://countdown.elbphilharmonie.de. Mithilfe der Aufnahmen der beiden Renndrohnen »Rock« und »Roll« kann der Besucher in atemberaubendem Tempo um und über das Konzerthaus fliegen, dabei eigene Routen auswählen und – mal ganz dicht dran, mal weit weg – nie gesehene Blickwinkel auf Hamburgs neues Wahrzeichen und die Stadt einnehmen.

Bei einem »360°-Fotoprojekt« kann sich jeder aktiv an einer besonderen Rundum-Ansicht auf die Elbphilharmonie beteiligen: Alle, die gerne fotografieren, sind aufgerufen, ihre Aufnahme des Konzerthauses unter dem Hashtag #myelphi360 bei Instagram zu posten. Die schönsten Motive und unterschiedlichen Perspektiven fügen sich dann auf https://countdown.elbphilharmonie.de zusammen. Ein 360°-Panoramabild wiederum, das vom Dach der Elbphilharmonie aufgenommen wurde, kehrt den Blick um: Es zeigt den grandiosen Ausblick auf die ganze Stadt und informiert über die zahlreichen Ausflugs-, und Ausgehmöglichkeiten in der Nachbarschaft. Mit dem »Elphilizer« schließlich kann der Besucher im virtuellen Konzertsaal Töne erzeugen, die auch grafisch sichtbar gemacht werden und schemenhaft die Umrisse des Großen Saals erscheinen lassen. Harfe, Klavier und Schlagwerk stehen als Instrumente zur Auswahl, Melodien lassen sich speichern, teilen und als musikalischer Gruß versenden.

Neben den interaktiven Elementen begleitet die Website auch jene Veranstaltungen, die die Elbphilharmonie tatsächlich noch vor der Eröffnung zugänglich machen, etwa die Öffnung der Plaza – der Aussichtsplattform in der Elbphilharmonie zwischen Backsteinsockel und Glasaufbau, die ab dem 4. November für jeden zugänglich sein wird – oder die Klanginstallation »The Ship« des Meistermusikers und Produzenten Brian Eno, die ab 5. November im Kaispeicher zu erleben ist.

Am 11. und 12. Januar 2017 wird die Elbphilharmonie feierlich eröffnet. Der Kartenvorverkauf für die Konzerte der Eröffnungsspielzeit hat am 20. Juni begonnen. Ungeachtet der anhaltend großen Nachfrage sind für den Großteil der Konzerte noch Karten in mehreren Preiskategorien verfügbar. Infos und Tickets unter www.elbphilharmonie.de.

Auf dem Weg zur Eröffnung im Januar 2017: Elbphilharmonie Hamburg!

Ein großes Ereignis wirft seinen Schatten voraus: Ab dem 11. Januar 2017 beginnt das Festival zur Eröffnung der Elbphilharmonie in Hamburg. Die Eröffnung dieses spektakulären Konzerthauses dürfte die Diskussion um den gesellschaftlichen Stellenwert der Musik positiv befeuern. Das wird Auswirkungen auf den gesamten institutionellen Musikbetrieb in Deutschland haben. Denn auch in Städten wie München, Nürnberg oder Bochum stehen Konzertsaalneubauten an.

Die Elbphilharmonie: Neues Wahrzeichen für Hamburg (c) Maxim Schulz

Die Elbphilharmonie: Neues Wahrzeichen für Hamburg (c) Maxim Schulz

Am 11. April 2016 wurde im Beisein des Ersten Bürgermeisters der Freien und Hansestadt Hamburg Olaf Scholz sowie des Intendanten des NDR Lutz Marmor im 3. Obergeschoss des Parkhauses der Elbphilharmonie das Programm der Konzertsaison 2016/17 vorgestellt. Die Präsentation des Programms übernahm Christoph Lieben-Seutter, Generalintendant von Elbphilharmonie und Laeiszhalle Hamburg. Die kommende Saison ist die erste, bei der die Musik ganz wesentlich im neuen Konzerthaus an der Elbe spielen wird.

Den Besuchern der Programmvorstellung bot sich eine überraschende Bildwelt. Im Aufgang durch die Spindel des Parkhauses, auf der später die ein- und ausfahrenden Autos verkehren werden, präsentierte die mit der Kampagne zur Eröffnung beauftragte Werbeagentur Jung von Matt auf den geschwungenen Wänden mehrere Bildmotive, die Street-Art-Künstler in den vergangenen Tagen auf Flächen im öffentlichen Raum aufgebracht hatten. Dabei handelt es sich um eindrucksvolle, gewitzte und farbkräftige Visualisierungen einiger Themen der Konzertsaison – etwa des Festivals SALĀM SYRIA, der Produktion »Call Me God« von und mit John Malkovich, die von der Elbphilharmonie in Auftrag gegeben wurde, oder ¡VIVA BEETHOVEN! – das ist das Motto, unter dem Gustavo Dudamel im März an fünf Konzertabenden in Folge sein Orquesta Sinfónica Simón Bolívar aus Caracas durch die neun Beethoven-Sinfonien führt.

Die junge, dynamische Umsetzung programmatischer Inhalte durch Graffiti und Street Art soll nachhaltig in die Stadt hineinstrahlen. Die Elbphilharmonie werde schließlich »kein Musentempel aus Samt und Seide für die oberen Zehntausend«, sagte Bürgermeister Olaf Scholz. »Schön und rau steht die Elbphilharmonie mitten im Herzen der Stadt. Schon ihre Lage fordert uns dazu heraus, sie zu einem Haus für alle zu machen. Das Programm der Eröffnungssaison erfüllt dieses Versprechen nun endlich mit Leben. Ambitioniert und herausfordernd präsentiert sich die künstlerische Agenda. Sie strebt mit großen Namen nach musikalischer Exzellenz, aber zugleich mit Vielfalt und Offenheit auch nach gesellschaftlicher Relevanz. Gerade die Festivals knüpfen ein weltumspannendes künstlerisches Netz, das die wirtschaftliche Verflochtenheit der Welthafenstadt entscheidend ergänzt. Diese kulturelle Dimension künftig auch mitten im Hafen erleben zu können – genau an dem Ort, der Hamburgs Weltoffenheit schon immer begründet hat –, erzeugt eine einzigartige Spannung. Ich bin mir sicher: Die Eröffnung der Elbphilharmonie wird nicht nur den Hafen, sondern die ganze Stadt zum Klingen bringen.« Scholz verwies auch auf das umfangreiche Education-Programm, das »sehr konsequent« den Wunsch der Stadt umsetze, dass künftig jedes Schulkind mindestens einmal die Elbphilharmonie besuchen sollte.

Kultursenatorin Prof. Kisseler verweist auf das gute Zusammenwirken der maßgeblichen Institutionen des Hamburger Konzertlebens beim Zustandekommen des Programms – das NDR Elbphilharmonie Orchester, das künftig im Kleinen Saal in der Elbphilharmonie beheimatete Ensemble Resonanz, das Philharmonische Staatsorchester Hamburg, die Hamburger Symphoniker als Residenzorchester der Laeiszhalle, die Konzertdirektion Dr. Goette sowie Elbphilharmonie und Laeiszhalle selbst.

 

NDR-Intendant Lutz Marmor nannte die in Kürze anstehende Umbenennung des Sinfonieorchesters seines Hauses in NDR Elbphilharmonie Orchester »ein Bekenntnis zu diesem einzigartigen und wegweisenden Kulturprojekt«. Es habe die Kraft, »eine starke Marke zu werden, die weit über Norddeutschland hinaus strahlen wird«. Die besonders kostengünstigen »Konzerte für Hamburg«, die das NDR Elbphilharmonie Orchester im Januar und im Juni 2017 für bis zu 60.000 Besucher spielen wird, wertete Marmor als besonderes Anliegen des NDR sowie von Thomas Hengelbrock und ihm selbst. »Klassik ist für alle da«, so Marmor weiter. »Wir möchten dazu beitragen, dass in diesem visionären Bau möglichst viele Menschen Musik auf Spitzenniveau erleben können.«

Laut Generalintendant Lieben-Seutter bietet das Programm eine für Hamburg beispiellose Dichte an hochkarätigen Konzerten. »Es ist so vielfältig, dass wirklich für jeden etwas dabei ist, auch so manche Überraschung. Das Konzertprogramm richtet sich gleichermaßen an Kenner aus aller Welt wie an musikalische Neueinsteiger.« Besonderes Augenmerk legte Lieben-Seutter auf das Programm des ERÖFFNUNGSFESTIVALS, das vom 11. bis 29. Januar 2017 mit spektakulären Namen vom Chicago Symphony Orchestra bis zu den Einstürzenden Neubauten aufwartet. Viel Platz räumt das Programm zeitgenössischer Musik ein. So gebe es in der Eröffnungssaison eine ganze Reihe von Uraufführungen von Werken bedeutender heute lebender Komponisten. Dass das Haus nicht für Klassik allein offen sei, belege die Fülle an Konzerten aus dem Bereich Jazz, Pop und World Music.

In dem nahezu 1 Kilo schweren Jahrbuch 2016/17 kann man nachlesen, auf welch vielfältige Weise die Elbphilharmonie, Hamburgs neues Wahrzeichen, dazu beitragen will, dass die Metropole an der Elbe zu einer der wichtigsten Musikstädte der Erde aufsteigt. Das digitale Jahrbuch gibt es hier: https://issuu.com/elbphilharmonie/docs/elbphilharmonie-jahrbuch-16-17

 

Abschied von Pierre Boulez (26. März 1925 – 5. Januar 2016)

Zum Abschied von Pierre Boulez (26. März 1925 – 5. Januar 2016) ein Nachruf von Michael Haefliger

«Ich bin ein französischer Komponist, Dirigent und Schriftsteller.» So hätte Pierre Boulez sehr wahrscheinlich die Frage nach seinem künstlerischen Tun und Wirken beantwortet – genau auf den Punkt gebracht, ohne Schnörkel und ohne jegliche Form der inszenierten Selbstdarstellung. So haben die meisten von uns «Jüngern» ihn erlebt, gefühlt und gesehen. So wurde er für uns zum grossen Vorbild, ja beinahe schon zum «Halbgott». Wir bewunderten sein Tun, seine Ziele, für die er unbeirrbar einstand, egal ob es sich um kleinere oder grössere Revolutionen handelte. In der vergangenen Nacht hat er uns verlassen. Wir trauern um einen grossen Menschen und Künstler, der dieses Festival unendlich bereichert und geprägt hat.

LUCERNE FESTIVAL, Im Sommer 2007: Sinfoniekonzert 22: LUCERNE FESTIVAL ACADEMY ORCHESTRA unter der Leitung von Pierre Boulez. Luzern, den 06.09.2007 Foto: Priska Ketterer

LUCERNE FESTIVAL, Im Sommer 2007:
Sinfoniekonzert 22: LUCERNE FESTIVAL ACADEMY ORCHESTRA unter der Leitung von Pierre Boulez.
Luzern, den 06.09.2007
Foto: Priska Ketterer

Mein allererster Eindruck von Pierre Boulez waren seine höchst innovativen Programm- und Konzertformate, als er in den Jahren 1971 bis 1977 das New York Philharmonic leitete. Da standen Bach, Schubert, Liszt, Webern, Berg, Strawinsky und eigene Kompositionen neben- und miteinander in Konzertprogrammen, als wäre dies eine Selbstverständlichkeit. Die scheinbare Buntheit deckte Bezüge auf und motivierte zu neuen Hörerfahrungen, beispielsweise im Format eines «Rug Concert», das heute noch seinesgleichen sucht und den Blick weit in die Zukunft der modernen Konzertvermittlung richtete.
Ja, Pierre Boulez war ein Revolutionär und unerbittlicher Kämpfer, wenn es um seine Ideale und um die Zukunft der Institution «Kunst und Kultur» ging. Sein Text Schoenberg est mort über den Begründer der Zwölftonmusik ist scharfsinnig wie auch erbarmungslos. Dem Opernbetrieb unterstellte er Erstarrung, betrachtete die Führung der Opernhäuser als antiquiert und hätte diese am liebsten in Schutt und Asche gelegt. Dann realisierte er 1976 in Bayreuth mit Patrice Chéreau die wohl legendärste aller Ring-Inszenierungen. Wieder gemeinsam mit ihm entwarf er 1989 ein erstes Konzept für eine «Salle Modulable» für die Opéra Bastille in Paris: einen innovativen, zukunftsweisenden Raum für das Musiktheater, der den Zuschauer- und den Bühnenbereich über frei konfigurierbare Formen miteinander verbinden sollte. Die Realisierung kam damals aus finanziellen Gründen nicht zustande.

In bleibender Erinnerung ist mir der Moment, als mir Pierre Boulez im Januar 2006 in seinem Haus in Baden-Baden die mehrseitige Studie der «Salle Modulable» übergab und mich motivierte, dieses Projekt in Luzern umzusetzen. Diese Motivation hält bis heute an!
Sein Geburtsland Frankreich und vor allem das Zentrum Paris sollten aber zu Pierre Boulez’ wohl bedeutendster Wirkungsstätte werden. Staatspräsident Georges Pompidou höchstpersönlich lud ihn 1969 ein, das IRCAM (Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique) zu gründen, das zusammen mit dem Ensemble intercontemporain und der Cité de la musique zum eigentlichen Zentrum seines Wirkens wurde. Im kleinen, spartanisch eingerichteten Büro des IRCAM fand im Dezember 2000 mein erstes Gespräch mit Pierre Boulez zur Gründung der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY statt. Seine Reaktion auf mein Ansinnen war klar und einfach wie immer: «So etwas habe ich mir schon immer gewünscht, kommen Sie im Januar nach Baden-Baden». Und die Pläne entwickelten sich in Windeseile: Schon 2003 fand im Sommer eine sogenannte «Preview» statt; ein Jahr später stand die LUCERNE FESTIVAL ACADEMY mit 120 Studenten aus der ganzen Welt auf festen Beinen.

Wie für seinen eigenen Lehrer Olivier Messiaen schien auch für Pierre Boulez fortan nichts wichtiger zu sein, als im Rahmen der Academy sein immenses Wissen, seine lebendige Erfahrung, seine grossen Ideale an junge, aufstrebende Menschen weiterzugeben. So pilgerten die interessierten Studenten in Scharen nach Luzern und sogen den Boulez-Geist begeistert auf.
Das bis dahin mehrheitlich auf das Veranstalten von herausragenden Konzerterlebnissen fokussierte LUCERNE FESTIVAL erhielt so eine grossartige Institution für Orchestererziehung, Kammermusik, Dirigierunterricht und Komponieren mit dem Schwerpunkt auf der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts.
Unvergessen bleiben zahlreiche Proben und Konzerte mit dem LUCERNE FESTIVAL ACADEMY Orchestra und den Academy-Kammerensembles, Unterrichtsstunden mit jungen, vielversprechenden Dirigenten und Komponisten. Einzigartige Programme mit Pierre Boulez’ eigenen Werken – von Répons über Le Marteau sans maître, Éclat/Multiples und die Notations – bis hin zu Gruppen von Karlheinz Stockhausen und zahlreichen Uraufführungen kommen mir in den Sinn. Unvergesslich die exemplarischen Aufführungen von Gustav Mahlers Sechster Sinfonie, Alban Bergs Drei Orchesterstücken, Béla Bartóks Der wunderbare Mandarin und Igor Strawinskys Le Sacre du Printemps.

Eine besondere Sternstunde mit Pierre Boulez erlebte ich am 2. Oktober 2011 in der Londoner Royal Festival Hall mit der Aufführung seines legendären Mallarmé-Zyklus Pli selon pli mit Barbara Hannigan als Solistin und einem Ensemble aus Mitgliedern des Ensemble intercontemporain Paris und der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY: Eindrücklich kam hier die Personalunion des grossen Komponisten und Dirigenten zur Geltung.
Bemerkenswert war die freundschaftliche Verbundenheit und Loyalität, die Pierre Boulez mit zahlreichen Institutionen verband. Und auch hier kannte er keine Kompromisse, opportunes Verhalten war ihm fremd. Er stand fest zu Wolfgang Wagner in Bayreuth, als dieser von den Medien und der Politik bereits fallengelassen wurde. Er vermittelte im Sommer 2004 aufopfernd zwischen den Parteien im kontroversen Parsifal von Christoph Schlingensief und ermöglichte somit eine der interessantesten Bayreuther Inszenierungen der letzten Jahre. Als Claudio Abbado 2007 seine Konzerte mit dem LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA in der New Yorker Carnegie Hall aus gesundheitlichen Gründen absagen musste, sprang Pierre Boulez innerhalb von vier Tagen ein und begeisterte mit einer umwerfenden Interpretation von Mahlers Dritter Sinfonie. All das spricht für einen der grossartigsten Künstler und Menschen unserer Zeit, der seine eigene Persönlichkeit immer in den Dienst des Höheren stellte – für den das, was er tat, stets selbstverständlich war.
Historisch betrachtet, verdankt Luzern die Bekanntschaft mit Pierre Boulez seinem grössten Freund und Förderer Paul Sacher. Als Mitglied der damaligen Programmkommission empfahl Sacher bereits in den 1960er Jahren Boulez als Dirigenten. In einem Gesprächskonzert stellte er den Komponisten 1983 dem Luzerner Publikum vor, nachdem Boulez erstmals 1975 mit dem New York Philharmonic in zwei Konzerten hier gastiert hatte.
LUCERNE FESTIVAL dankt Pierre Boulez für seinen unschätzbaren Beitrag zur Weiterentwicklung eines Festivals, in dessen Herzen das Engagement für die Musikergeneration von morgen und die Musik unserer Zeit eine bestimmende Rolle spielt und spielen wird.

Wenn wir es mit den Worten seines von ihm so verehrten Dichterfreundes René Char ausdrücken, dann hat uns Pierre Boulez viele Träume und viel Unausgesprochenes für die Zukunft hinterlassen – Träume, die es weiterzuträumen und zu realisieren gilt:
«Un poète doit laisser des traces de son passage, non des preuves. Seules les traces font rêver.» René Char

Berliner Philharmoniker und Deutsche Staatoper: 360-Grad-Einblicke mit Google Indoor-Street-View

Zusammen mit weltweit renommierten Opern-, Konzert- und Schauspielhäusern präsentiert das Google Cultural Institute ab sofort einzigartige interaktive Erlebnisse aus Musik, Oper, Tanz und Schauspiel. Teil dieses neuen Projektes mit dem Namen „Performing Arts“ sind 60 Institutionen aus 20 Ländern. Partner wie die Berliner Philharmoniker, das Fundação Theatro Municipal de São Paulo in Brasilien, die Opéra National de Paris (Palais Garnier) in Frankreich, die Royal Shakespeare Company in Großbritannien und die Carnegie Hall in den USA präsentieren sich hierbei unter g.co/performingarts Millionen von Menschen durch 360-Grad-Videos, interaktive Geschichten, Bildergalerien, Backstage-Eindrücke und Street-View-Touren.

Berliner Philharmonie - Einer von vielen Zukunftsorten der Klassik

Berliner Philharmonie – Einer von vielen Zukunftsorten der Klassik

Wer die Berliner Philharmonie erkunden möchte, den laden Indoor-Street-View-Aufnahmen zu einem Rundgang durch die eindrucksvollen Konzertsäle sowie über die Bühnen des Konzerthauses ein. Für die Öffentlichkeit bisher verschlossene Räume wie beispielsweise das Tonstudio werden durch hochauflösende Panorama-Aufnahmen erstmalig einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Zu den Highlights der Partnerschaft zwischen den Berliner Philharmonikern und dem Google Cultural Institute zählen außerdem aufwendige 360-Grad-Videos. Dank dieser können Nutzer einen Auszug aus Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie, dirigiert von Sir Simon Rattle, sowohl aus verschiedenen Positionen als auch immersiv aus der Perspektive des Orchesters erleben. Zusätzlich haben die Nutzer die Möglichkeit, bei einer Probe dabei zu sein, um so einen sonst verborgenen Teil der täglichen Arbeit der Philharmoniker mitzuerleben. Für diejenigen, die mehr über die Geschichte und ausgewählte Projekte der Berliner Philharmoniker erfahren möchten, hat die Philharmonie vertiefende digitale Ausstellungen kuratiert. Alle Inhalte sind unter goo.gl/uKfVyu ab sofort abrufbar.

Auch die Deutsche Staatsoper Berlin ist Teil der „Performing Arts“ und zählt mit ihrer über 270-jährigen Geschichte zu den traditionsreichsten Bühnen des Projektes. Von barocken Aufführungen bis hin zu zeitgenössischen Inszenierungen ‒ unter goo.gl/1HTLf5 stehen Online-Besuchern einzigartige Aufnahmen der aufwendigen Produktionen sowie Indoor-Street-View-Aufnahmen des derzeit im Umbau befindlichen Opernhauses zur Verfügung.

Deutsche Orchesterkonferenz 2015: Kommunen finanziell stärken

Zur Deutschen Orchesterkonferenz haben sich am 5. Mai 2015 Musikerinnen und Musiker, Orchestermanager und Intendanten sowie Spitzenvertreter aus Politik, Verwaltung und Verbänden getroffen. Gemeinsam diskutierten sie über die Zukunft der deutschen Orchester.

Deutsche Orchesterkonferenz im Kurfürstlichen Schloß Mainz

Deutsche Orchesterkonferenz im Kurfürstlichen Schloß Mainz

„In der Verteilungsdebatte haben die Orchester gute Argumente. Aber es gibt auch Fragezeichen“, sagte Walter Schumacher, Staatsekretär im Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz, in seinem Grußwort. „Ich weiß, was viele Orchester an Innovation leisten. Deshalb haben sie auch Perspektiven.“ Ziemlich treffend umriss er damit gleich zu Beginn das Konferenzthema. Unter dem Motto Innovation und Perspektive diskutierten im Kurfürstlichen Schloss Mainz rund 220 Gäste über die Zukunft der öffentlich finanzierten Orchester, Rundfunkensembles und Theater. Die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) veranstaltet die hochkarätige kulturpolitische Konferenz alle drei Jahre.

Innovation und Perspektive – Zukunftsdialog für Theater, Orchester und Rundfunkensembles

Nach der Begrüßung der Teilnehmer durch den DOV-Vorsitzenden Hartmut Karmeier und Geschäftsführer Gerald Mertens umriss Holger Noltze, Professor für Musik und Medien an der Technischen Universität Dortmund, die disparaten Rahmenbedingungen. Zwar werde die Wertschätzung von Musik in vielen öffentlichen Reden deklamiert. Doch allzu oft spiegele sich dies nicht in der politischen Praxis wider. Neben einem anhaltenden Verteilungskampf um kulturelles und ökonomisches Kapital warnte er vor einem „Cocktail diverser und insgesamt negativer Einflussfaktoren“. Dazu zählte Noltze unter anderem den „Wagenburg-Lobbyismus des Musikbereichs“, das Verschwinden des klassischen Bildungsbürgertums, die „durchschlagende Ökonomisierung“ des Kulturbereichs, die „zunehmende Selbstvergessenheit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Bezug auf seinen Kulturauftrag“ und einen „Affekt gegen Hochkultur“. Es gebe aber auch gute Argumente: „Machen Sie deutlich, warum ein Orchester so wichtig in einer Stadt ist und justieren Sie sich neu jenseits der alten Selbstverständlichkeiten!“

In diesem Sinne agierten Orchester bereits, konterte Professor Christian Höppner, Präsident des Deutschen Kulturrats (DKR), der durch die folgende Diskussion über Kulturfinanzierung führte. Karmeier stimmte zu: „Der Beruf des Orchestermusikers und die Werte, für die er steht, haben sich in den letzten zwanzig Jahren enorm geändert.“ Neue Konzertformate bis hin zu Willkommenskonzerten für Flüchtlinge belegen das.

„Seit den 70er und 80er Jahren ist das Interesse in den politischen Gremien deutlich zurückgegangen“, sagte Professor Felix Semmelroth, Kulturdezernent in Frankfurt am Main. Es gebe eine „deutliche Ökonomisierung“. Das betreffe allerdings nicht das Publikum. Als „gutes Zeichen“ wertete Rolf Bolwin, geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins, dass jedes Jahr 2,5 Milliarden Euro in die öffentliche Kulturfinanzierung fließen: „Ich kann nicht erkennen, dass diese Summe zur Disposition steht. Dennoch müssen wir von dem überzeugt sein, was wir machen.“

Karmeier machte deutlich, dass die Kommunen als Hauptträger der Orchester und Theater oft in finanziellen Zwangslagen sind. „Ihre finanzielle Entlastung durch den Bund ändert leider nichts an den grundlegenden Strukturproblemen. Deshalb brauchen wir dringend eine kommunale Finanzreform.“ Auf dem Podium wurde überlegt, ob sich Verbände wie der Bühnenverein, die DOV und der DKR künftig gemeinsam stärker für eine solide Finanzierung der Kommunen einsetzen könnten.

Einen neuen Weg hat Sachsen bereits vor einigen Jahren mit der Verabschiedung des Kulturraumgesetzes gesucht. Das Gesetz definiert Kultur als Pflichtaufgabe und beteiligt das Land mit zwei Dritteln an der Finanzierung. Das verbleibende Drittel steuern die Kommunen über eine Umlage bei. „Das Land stützt damit dezentrale Strukturen“, sagte Uwe Gaul, Staatssekretär im Sächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur. „Faktisch sind die meisten Mittel im Bereich Theater und Orchester gebunden. Für neue Projekte ist relativ wenig Luft.“

Die Befürchtung von Kulturpolitikern und kulturellen Akteuren, dass mit einem solchen Gesetz konkrete Ausgaben festgeschrieben und im Laufe der Zeit möglicherweise gesenkt werden, hat bislang verhindert, dass das Sächsische Modell von anderen Ländern übernommen wurde. „Es eignet sich nicht unbedingt als Blaupause, die der kulturellen Vielfalt in den Ländern gerecht wird“, lautete Höppners Zwischenbilanz.

Eine Idee des Deutschen Musikrats (DMR) brachte Karmeier ins Spiel, der auch Vizepräsident des Verbandes ist: „Der Bund könnte einen Musikfonds einrichten.“ Vor allem in Ostdeutschland gebe es bereits Bundesprogramme zur nationalen Kulturförderung, bei denen der Bund in der Kulturförderung aktiv ist. „Das Geld ist vorhanden. Es müsste aber auch der politische Wille da sein.“ Für Semmelroth wäre die Festschreibung von Kulturausgaben ein realistischer Weg. Erwähnung fand auch der Vorschlag von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), den Anteil der Kommunen an den Einnahmen aus der Umsatzsteuer zu erhöhen.

Nach der TTIP-kritischen Performance der DOV am 4. Mai, die in den Medien bundesweit große Beachtung gefunden hatte, wurde ausführlich über das Transatlantische Handelsabkommen diskutiert. Trotz unterschiedlicher Auffassungen im Detail herrschte Einigkeit, dass der Kulturbereich nicht kommerzialisiert werden darf und bei den Verhandlungen mehr Transparenz notwendig ist. Während die DOV und der DKR nach der Devise Wehret den Anfängen handeln und sich öffentlichkeitswirksam positionieren, setzt der Bühnenverein eher auf ein gesundes Augenmaß bei den Verhandlungen, das einer Aushöhlung des Kultursektors entgegenstünde. „Europäische Kulturen haben immer wieder ein hohes Maß an Resistenz bewiesen. Das wird hoffentlich auch dieses Mal so sein“, sagte auch Semmelroth.

Unter dem Motto Zwischen Kulturauftrag und Haushaltsabgabe stand die Diskussion am Nachmittag, in der es um die ARD-Rundfunkklangkörper ging. „Sie haben weiter einen festen Platz im programmbezogenen Rundfunksystem“, sagte Matthias Cornils, Professor für Medienrecht an der Universität Mainz. Ihr Wirken sei gesetzlich klar legitimiert. Allerdings habe die Einführung der Rundfunkgebühr den Druck auf die Rundfunkorchester erhöht. „Zudem stößt unter sich ändernden Rahmenbedingungen eine weitere Auslegung ihres Auftrags noch auf legitimatorische Grenzen.“ Dennoch werde der Bildungsauftrag der Klangkörper bedeutender. Das Dvorak- und das Gershwin-Projekt setzen in diesem Bereich Maßstäbe.

Der Wissenschaftler nennt auch die Verbreitung von Konzerten über Youtube, die kaum eine Konkurrenz zu privaten Anbietern darstellten. Der Hessische Rundfunk unterhält einen Youtube-Kanal und sei damit erfolgreich, sagte Dr. Heinz Sommer, Hörfunkdirektor des Hessischen Rundfunks, in der folgenden Podiumsdiskussion. „Ich glaube, dass diese Art der weltweiten Verbreitung immer wichtiger wird.“ Andere Sender würden ebenfalls über eine Einführung nachdenken. Begrenzt würden innovative Angebote allerdings durch finanzielle Mittel.

 

Christian Höppner forderte eine „bedarfsgerechte Finanzierung“ des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. „Mir ist klar, dass das gesellschaftspolitisch ein schwieriger Akt ist.“ Das zeige zum Beispiel die Debatte um Werbeinnahmen, die unter anderem im Deutschen Kulturrat geführt wird. Sommer sagte voraus, dass sich die Rolle der Werbung in Zukunft stark verändern werde. Einen konkreten Ausblick gab er nicht.

Einen inhaltlich größeren Bogen schlug Kristjan Järvi, Künstlerischer Leiter des mdr-Sinfonieorchesters Leipzig. Er wies auf die weltweit einzigartige Rolle des deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems hin. „Sie sollte weiter ausgebaut und nicht gekürzt werden.“

Den feierlichen Abschluss der Deutschen Orchesterkonferenz bildete die Verleihung des Hermann-Voss-Kulturpreises. Die DOV überreichte ihn in diesem Jahr an die Deutsche UNESCO-Kommission (DUK) für ihre Verdienste um die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft. Im Dezember vergangenen Jahres hatte sie die Kommission in ihre bundesweite Liste des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. „Damit hat die UNESCO-Kommission die weltweit einzigartige Stellung der deutschen Orchester und Theater weiter gestärkt“, sagte Gerald Mertens in seiner Laudatio und überreichte die Urkunde zum Preis an DUK-Präsidentin Verena Metze-Mangold.

Die DOV verleiht den Preis seit dem Jahr 1979 alle drei Jahre für besondere Verdienste um die deutsche Orchesterkultur. Preisträger in der Vergangenheit waren u.a. der baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth, WDR-Intendant Fritz Pleitgen, die Dirigenten Kurt Masur und Gerd Albrecht sowie im Jahr 2012 Irene Schulte-Hillen, Präsidentin der Deutschen Stiftung Musikleben. Der Preis ist mit 5.000 Euro dotiert.

Den Sonderpreis erhielt Barbara Lambrecht-Schadeberg. Die Mitgesellschafterin der Krombacher Brauerei erhält ihn für ihr Engagement für die Musikstiftung der Philharmonie Südwestfalen und für ihre persönliche Unterstützung des Orchesters. Der Sonderpreis ist undotiert.

Die Klassik lebt! WAZ-Interview zur Zukunft des Konzerts

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Wie lange noch werden sich Menschen zusammenfinden für Beethoven und Brahms? Wie prägen digitale Welt und eine alternde Gesellschaft die Klassik, fragte ihn Lars von der Gönna.
Die Zukunft des klassischen Konzerts – | WAZ.de – Lesen Sie mehr auf:
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