Studierendenprotest der HfM FRANZ LISZT Weimar gegen Abbau von Orchester- und Theaterstellen

Als Reaktion auf das Thesenpapier „Perspektive 2025“ von Prof. Benjamin-Immanuel Hoff, Minister für Kultur, Bundes- und Europaangelegenheiten und Chef der Thüringer Staatskanzlei, führen die Studierenden der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar seit Dezember 2015 eine Postkartenaktion durch.

Und ab geht die Post! (c) StuRa HfM Weimar

Und ab geht die Post! (c) StuRa HfM Weimar

Circa 300 rote Karten mit dem Slogan „sind wir kunst oder können wir weg?“ wurden seither an die Staatskanzlei verschickt. Auf der Rückseite der Postkarte ist die Positionierung der Studierendenschaft zu lesen. Sie beinhaltet die Forderung an Thüringens Kulturminister, die Pläne zur Umstrukturierung der Orchester- und Theaterlandschaft zu überdenken. Jeder der Studierenden, der bisher eine Postkarte unterschrieben und an Minister Hoff geschickt hat, fordert von Thüringens Kulturminister „mehr Mut zur Investition in Kultur sowie ein klares Bekenntnis zur Notwendigkeit von Kultur und kultureller Bildung in unserer Gesellschaft“.
Mit der Postkartenaktion und der Frage „sind wir kunst oder können wir weg?“ möchten die Studierenden auf den bedrohten Stellenwert von Kunst und Kultur in der Gesellschaft aufmerksam machen. Sie weisen auf die durch Orchester- und Theaterfusionen gefährdete berufliche Zukunft von Künstlern und Kulturschaffenden in Thüringen hin. Es ist ein Aufschrei über die Perspektiven in diesem Land: „Sie berauben uns unserer Zukunft und Identität!“, heißt es. Zudem betonen die Studierenden die Bedeutung des Deutschen Nationaltheaters für den Studienstandort Weimar und die Ausbildung an der dortigen Musikhochschule.

Die Postkartenaktion umrahmt den offenen Brief der Studierenden, der im Dezember an Minister Hoff ging und in dem ihre Positionierung und ihre Forderungen ausführlicher erläutert werden. Bisher hat circa die Hälfte aller Studierenden der HfM FRANZ LISZT Weimar eine Postkarte abgeschickt. Ziel ist, dass die rote Kartenflut in der Staatskanzlei nicht abebbt, bis alle Studierenden teilgenommen haben.

Thüringer Theater- und Orchesterstruktur – Perspektive 2025 … auch als Karikatur erhältlich

Seit Monaten laufen in Thüringen unter dem Stichwort #theaterreform bzw. Perspektive 2025 erneut die Diskussionen über die Zukunft der Thüringer Orchester- und Theaterlandschaft. Zu Beginn der Debatte hatte der Chef der Thüringer Staatskanzlei und Kulturminister Benjamin Immanuel Hoff erwähnt, man müsse bei den Gedankenspielen auch einmal einen „schwarzen Schwan“ fahren lassen dürfen.

Diese Aussage hat den Berliner Zeichner Thilo Krapp veranlasst, die Überlegung einmal bildlich umzusetzen.

Schwarzer Schwan im Solo

Schwarzer Schwan im Solo

(c) Thilo Krapp

Droht Kahlschlag bei Thüringer Orchestern und Theatern?

Die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) droht massiven Widerstand an gegen die am 20. August 2015 durch die Thüringer Landeszeitung und den MDR öffentlich gewordenen Abbaupläne der Thüringer Staatskanzlei für die Orchester und Theater im Freistaat. Den Medienberichten zufolge sollen u.a. das Deutsche Nationaltheater Weimar die Opernsparte aufgeben, die Landeskapelle Eisenach aufgelöst und die Thüringen Philharmonie Gotha mit dem Orchester in Erfurt fusioniert und verkleinert werden.

Sollen abgewickelt werden: Landeskapelle Eisenach

Sollen abgewickelt werden: Landeskapelle Eisenach

Die aktuellen Abbau- und Fusionspläne von Minister Benjamin-Immanuel Hoff sind inakzeptabel. Die Art und Weise, wie hier mit Thüringer Künstlerinnen und Künstlern und ihren Verbänden umgegangen wird, ist einfach unwürdig. Bereits seit neun Monaten hatte die DOV der Thüringer Staatskanzlei einen Dialog zur Lage und zur Zukunft der Orchester und Theater angeboten. Und nun soll man als Berufsverband und Vertreter der Beschäftigten einfach vor vollendete Tatsachen gesetzt werden. Das werden die Orchester und Theater im Land nicht einfach hinnehmen. Auch Oberbürgermeister, Landräte und Intendanten werden sich nun fragen lassen müssen, auf welcher Seite sie stehen.

Hoff ist ein durchaus geschickter Rhetoriker. Jedoch bei den erneut anstehenden Strukturüberlegungen zu den Thüringer Orchestern und Theatern schätzt er die Aufstellung der Protagonisten falsch ein: Er spricht vom „Trialog“ zwischen Land mit Intendanten und Kommunen. Mal ehrlich: Minister und Staatssekretäre (Land), Oberbürgermeister und Landräte (Kommunen) und Intendanten haben alle befristete Verträge/Mandate, und man hat seit 1990 schon viele von ihnen kommen und wieder gehen sehen. Das wird auch so bleiben. Andererseits: Die überwiegend aus der thüringischen Kleinstaaterei (Alleinstellungsmerkmal!) entstandenen und dadurch besonders traditionsreichen Orchester und Theater und ihre Beschäftigten (!) waren oft schon vor ihnen da und sind häufig auch nach den Abgängen der Protagonisten des „Trialogs“ immer noch da. Ebenso wie das Publikum, die Freunde und Förderer, die Wählerinnen und Wähler…

Wer als Minister den Beschäftigten der Orchester und Theater und ihrer Berufsverbände (Gewerkschaften) nicht absolut auf Augenhöhe begegnet, wird einen schweren Stand haben. Allein der ansatzweise Versuch, vollendete Tatsachen aus dem „Trialog“ am Ende den Beschäftigten zu präsentieren, sollte eigentlich nicht Maßstab einer rot-rot-grünen Landesregierung sein. Da reicht es auch nicht, mal im Landestheater Eisenach auf einer Betriebsversammlung aufzulaufen oder Smalltalk mit der Thüringer Orchesterkonferenz zu halten.

In den vergangenen 25 Jahren wurden in Thüringen von ehemals über 1000 Musikerstellen bereits über 400 abgebaut. Wenn man den Ruf Thüringens als Kulturland nicht endgültig ramponieren will, muss mit dem Abbau doch irgendwann einmal Schluss sein. Man kann darauf hoffen, dass die Staatskanzlei ihre Pläne umgehend revidiert und zeitnah in einen echten Sachdialog mit den Künstlerinnen und Künstlern und ihren Verbänden eintritt. Nur dadurch könnte dem bevorstehenden breiten Widerstand der Betroffenen und der Thüringer Bürgerinnen und Bürger gegen diesen erneuten Angriff auf die Thüringer Orchester- und Theaterlandschaft begegnet werden.

Die nächsten Wochen werden in Thüringen mal wieder spannend. Politisch, medial und rhetorisch.

„Hört doch endlich auf zu jammern?“

… mit dieser Überschrift veröffentlichte die Wochenzeitschrift ZEIT am 12. Januar 2015 Tagen einen Beitrag von Volker Hagedorn, der darin der Klassikbranche empfahl, doch endlich mit dem Jammern aufzuhören. Natürlich gebe es Gründe, natürlich müsse die Klassikszene kämpfen, „gegen Orchesterschließungen, für bessere Dozentenbedingungen, um das Publikum, für viel mehr aktuelle Musik“ usw. Aber, so Hagedorn, müsse man nicht endlich die positiven Strömungen benennen, statt andauernd zu klagen?

Zum Beispiel Bayreuth - Deutsche Klassikszene im Jammertal!?

Zum Beispiel Bayreuth – Deutsche Klassikszene im Jammertal!?

Die Zahl der Konzertbesucher steige, ebenso wie die Zahl der Konzerte, Konzerthäuser seien gut ausgelastet auch die Tonträgerindustrie befinde sich auf dem Weg der Besserung. Hagedorn fordert: „Bloß nicht dem Rechtfertigungsdruck nachgeben… Wer Beweise sammelt, hat erst recht verloren, der begibt sich nämlich in die Legitimierungsdruckkammer. Dort muss die Klassik erklären, warum sie klasse ist, nötig und begehrt und jeden Cent wert…“ Musiker sollten vielmehr selbstbewusst und öffentlich für ihre Kunst eintreten. Vielleicht müsse die Klassik „wohl mal Boxen üben, um sich das Jammern abzugewöhnen.“

Wer den ganzen Artikel nachliest, wird ihn im Ergebnis wahrscheinlich mit einem „Einerseits – Andererseits“ bewerten. Einerseits sind die gravierenden Einschnitte und Strukturveränderungen in der deutschen Theater- und Orchesterlandschaft in den letzten Jahren eine nackte Tatsache. Andererseits gibt es so viele positive Neuentwicklungen im Bereich der Musikvermittlung, bei neuen Konzertformaten, bei innovativen Aktivitäten von Theatern und Orchestern, bei der Auslastung von Konzert- und Opernhäusern, dass die Szene in der Tat gut beraten sein könnte, das allgemeine Wehklagen einzustellen.

Einerseits: aus der journalistischen Wärmestube eines Feuilletonisten schreibt es sich ganz locker darüber, wie sich die Protagonisten der Klassikszene neu aufstellen sollten. Andererseits: die Mühen der Ebene, die Diskussionen mit Landes- und Kommunalpolitikern um eine auskömmliche Kulturfinanzierung oder – noch schlimmer – die Diskussionen mit Politikern, die die Theater- oder Orchester ohne jedwede persönliche Empathie als bloße und überflüssige Kostenfaktoren gerne zusammenstreichen und abwickeln wollen, blendet der Journalist Hagedorn aus.

Einerseits: Wer vom Weltbild eines gebildeten und wissenden, vernünftigen „homo politicus“ ausgeht, kann so argumentieren wie Hagedorn. Andererseits: Wer allerdings mit einem Kulturpolitiker spricht, dem man erst die Wirkung von klassischer Musik und die Funktion eines Orchesters erklären muss, weil er nichts Näheres davon weiß, der ist schon wieder in der Erklärungsecke und damit nahe an der Rechtfertigung.

Im Ergebnis ist die Forderung, mit dem Jammern aufzuhören grundsätzlich richtig, da sie ein dauerhaft schlechtes Bild auf eines der schönsten Tätigkeitsfelder wirft, das man sich als Musiker vorstellen kann, nämlich das von klassischer Musik und Oper. Das Ziel ist also richtig beschrieben, nur der Weg dahin ist nicht geradlinig. Jeder einzelne Musiker, der überzeugt von seinem Beruf ist, darf sich auch dazu berufen fühlen, jedem Dritten, seinen Freunden, seinen Nachbarn, aber auch den für ihn zuständigen Politikern, persönlich, emotional und anfassbar deutlich zu machen, welchen Wert Musik für ihn hat und für die gesamte Gesellschaft haben muss.

Orchester und Theater Plauen-Zwickau erhalten! Online-Petitionen zeichnen

Es ist eine Riesensauerei: In einer koordinierten Nach-und-Nebel-Aktion wollen die Stadtverwaltungen aus Plauen und Zwickau ihr fusioniertes Orchester und Theater „abmurksen“. Am 5. Dezember 2014 wurden die Vorlagen zur deutlichen Zuschusskürzung mit der Folge einer kompletten Orchesterauflösung und Abwicklung des Musiktheaters öffentlich. Bereits am 18. Dezember 2014 sollen die Stadträte über den Tod von Musiktheater und Orchester spätestens im Jahr 2018 abstimmen. Das ist ein echter Skandal und hat mit Demokratie nicht mehr viel zu tun.

Theater und Orchester Plauen-Zwickau erhalten!

Theater und Orchester Plauen-Zwickau erhalten!

Empörte Bürgerinnen und Bürger aus beiden Städten und Region wenden sich gegen diesen dreisten Abwicklungsversuch u.a. mit zwei Online-Petitionen, die sich an die Spitzen der Städte Plauen und Zwickau richtet. Bitte helfen Sie den betroffenen Künstlerinnen und Künstlern, unterstützen und zeichen Sie diese zwei Petitionen und verbreiten Sie sie weiter!

Hier geht es zur Petition.

Wer als Minister Kultur schädigt, braucht auf den Spott nicht zu warten

Von Loriot alias Vicco von Bülow stammt der Spruch: „Der beste Platz für Politiker ist das Wahlplakat. Dort ist er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen.“ Normalerweise sieht man entsprechende Wahlplakate (auch aus rechtlichen Gründen) nur während des Wahlkampfes bis wenige Tage nach der Wahl, dann müssen sie entfernt werden.

Der Bildungsminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Mathias Brodkorb, auch für die Theater und Orchester zuständig, wollte aus dieser Not offenbar eine Tugend machen und bot den Bürgern seines Landes im Sommerloch auf großen Plakaten einen Hausbesuch zum Kaffee an, er würde dann den Kuchen mitbringen…

Wer anderen (hier: den Theatern und Orchester und ihren Beschäftigten im Land M-V) durch Einfrieren der Landesmittel von 1994 bis 2020 (!) empfindlichen Schaden zufügt, dadurch Haustarifverträge, Vergütungsverzicht und fortschreitenden Stellenabbau erzwingt, braucht auf den Spott nicht lange zu warten. Das Plakat am Doberaner Platz in Rostock jedenfalls wurde dezent verändert:

Brodkorb, der Theatetschließer?

Brodkorb, der Theaterschließer?

Orchesterabwicklungen sanieren keinen Haushalt

Endlich ist dieser Gedanke auch in den Medien angekommen: Bei ca. 8.500 Musiker/innen in den deutschen Kommunal- und Staatsorchestern gegenüber rund 2,2 Mio Beschäftigten im gesamten öffentlichen Dienst lässt sich nicht so recht etwas sparen. Weder durch geringere Gehaltsanpassungen noch durch weitere Strukturveränderungen. Das potenzielle Sanierungspotenzial ist schon rein mathematisch viel zu gering.

Dennoch werden Theater und Orchester von (zu) vielen Kommunal- und Landespolitikern immer noch gerne als „Sparbüchse“ angesehen, in der es immer noch etwas zu holen gibt. Dagegen muss man sich noch viel stärker als bisher zu Wehr setzen. Darüber muss man die verantwortlichen Abgeordneten in Kommunalparlamenten und Landtagen noch offensiver aufklären. Sprich doch mal mit „deinem“ Abgeordeten, damit „das Orchester“ und „die Musiker“ ein Gesicht bekommen und nicht nur eine reine Haushaltsnummer bleiben.

Plattmachen bringt nichts - meint auch die Staatsoperette Dewsden

Plattmachen bringt nichts – meinen auch Staatsoperette Desden und Dresdner Philharmonie (Foto: Frank Höhler)

Aktuell hat die Zeitung WELT am Sonntag das Thema aufgegriffen: http://www.welt.de/print/wams/nrw/article120664191/Orchester-als-Retter-der-Kommunen.html