Orchester, Theater und Festivals gut aufgestellt für das neue Jahr

Die Mehrzahl der Orchester, Theater und Musikfestival hat in Deutschland gegenwärtig einen „guten Lauf“. Es gibt zwar immer einige Einrichtungen, die vor Ort mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben, wie z.B. das Volkstheater Rostock mit einem eher inkompetenten Oberbürgermeister oder das Theater Trier mit den Folgen einer von der Stadt vergeigten Intendantenfindung. Aber das sind Einzelfälle.

Neu eröffnet im Dezember 2016: Pierre Boulez Saal in Berlin

Neu eröffnet im Dezember 2016: Pierre Boulez Saal in Berlin

Neue Spielstätten

Schaut man sich zum Jahreswechsel in der deutschen Musiklandschaft um, überwiegt ganz deutlich das Positive. Da wären die zahlreichen Neueröffnungen und Wiedereröffnungen von Spielstätten zu nennen: Die Bochumer Symphoniker verfügen seit Ende Oktober 2016 mit dem Musikforum Ruhr endlich über eine eigene Spielstätte in der Stadtmitte mit knapp 1000 Plätzen. Zum Eröffnungswochenende kamen rund 40.000 Besucher. Am 8. Dezember wurde in Berlin-Mitte hinter der Staatsoper der neue Pierre Boulez Saal durch die Barenboim-Said Foundation eröffnet (Foto). Der Saal fasst rund 700 Besucher und ist ideal für Kammermusik und kleine Sinfonik. In Dresden haben im ehemaligen Kraftwerk Mitte die Staatsoperette Dresden und das Theater der jungen Generation eine neue Spielstätte eröffnet. Im Januar folgt endlich die lang ersehnte und immer wieder verschobene Eröffnung der Elbphilharmonie im Hamburger Hafen. Am 28. April 2017 wird ebenfalls in Dresden der völlig neu eingebaute Konzertsaal im Kulturpalast am Altmarkt durch die Dresdener Philharmonie in Betrieb genommen; am 3. Oktober 2017 soll die Deutsche Staatsoper in Berlin wieder eröffnen. Neubauten in Nürnberg und München sind in Planung, Renovierungen in Karlsruhe, Augsburg, Coburg, Lübeck oder in München (Gärtnerplatztheater) auf dem Weg. Und schließlich hat dann auch noch der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages über 10 Mio. Euro für die Renovierung der Laeiszhalle in Hamburg bewilligt.

Zusätzliche Bundesmittel

Überhaupt waren die Haushälter des Bundes im Herbst 2016 den Orchestern besonders gewogen: Im neuen Programm „Exzellente Orchesterlandschaft Deutschland“ sollen zunächst sechs mittlere Konzertorchester in einem Modellversuch für fünf Jahre mit zusätzlichem Bundesgeld (900.000 Euro pro Orchester im Jahr) ihre Produktivität und die Qualität ihrer Arbeit messbar steigern. Mit dabei sind zunächst die Hamburger Symphoniker, die Jenaer Philharmonie, die Stuttgarter Philharmoniker, die Münchner Symphoniker, die Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz und die Bochumer Symphoniker. Zahlreiche Details der Umsetzung des Programms müssen noch geklärt werden, aber die Geste des Bundes für eine nachhaltige Orchesterfinanzierung ist schon beeindruckend und Maßstab setzend.

Stabiler bzw. steigender Publikumszuspruch

Schaut man sich die Spielzeitbilanzen vieler Bühnen und Klassik-Musikfestivals oder den Zuspruch zu Klassik Open-Air-Konzerten des Sommers 2016 an, so überwiegen auch dort die Positivmeldungen mit hohen Auslastungszahlen von über 80 Prozent oder sogar deutlich mehr. Von einer Krise der Klassik also keine Spur. Und an den wenigen Standorten, an denen die Publikumsauslastung nicht überzeugt, sind die Probleme vom Management oder von den politisch Verantwortlichen (oder von beiden) hausgemacht; womit wir wieder in Rostock oder Trier wären.

Immaterielles UNESCO Kulturerbe

Der kulturpolitische Höhepunkt im zu Ende gehenden Jahr 2016 schließlich und Katalysator für die kommenden drei Jahre ist der gemeinsame Beschluss von Bund und Ländern, die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft nicht nur auf der nationalen Liste des immateriellen Kulturerbes zu belassen (seit Dezember 2014), sondern sie auch in die internationale Kulturerbeliste aufnehmen zu lassen. Dies wird die kulturpolitische Agenda bis zur endgültigen Aufnahmeentscheidung durch die UNESCO Ende 2019 mit bestimmen.

Gerald Mertens

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Die deutsche Theater-und Orchesterlandschaft wird für die internationale UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes nominiert

Das ist die Kulturmeldung des Jahres 2016! Deutschland nominiert seine Theater- und Orchesterlandschaft für die internationale UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes. Das haben die Kultusministerkonferenz unter der Leitung der Bremer Bildungssenatorin Dr. Claudia Bogedan und die Staatsministerin für Kultur und Medien Prof. Monika Grütters jetzt bestätigt. Damit folgen sie der Empfehlung der Experten der Deutschen UNESCO-Kommission. Die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft zeichnet sich durch eine weltweit einmalige Vielfalt künstlerischer Ausdrucksformen aus, die im Schauspiel, Figurentheater, in Oper, Operette, Musical, Tanz, Konzert sowie in performativen Veranstaltungen verwirklicht wird. Jährlich besuchen hierzulande rund 35 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer mehr als 120.000 Theateraufführungen und 9.000 Konzerte. Deutschland reicht das Nominierungsdossier im Frühjahr 2018 bei der UNESCO ein. Über die Aufnahme entscheidet der Zwischenstaatliche Ausschuss zum Immateriellen Kulturerbe im Winter 2019.

Reichhaltige Theater- und Orchesterlandschaft

Reichhaltige Theater- und Orchesterlandschaft

Bereits 2009 hatte die nationale Delegiertenversammlung der Deutsche Orchestervereinigung (DOV) in Erfurt eine entsprechende Resolution zur Aufnahme der deutschen Orchester-und Theaterlandschaft beschlossen. Im Dezember 2014 erfolgte durch gemeinsamen Antrag des Deutschen Bühnenvereins und des Deutschen Musikrats, inhaltlich begleitet von der DOV, die Aufnahme auf die nationale Liste des immateriellen Kulturerbes. Nun soll also der internationale Eintrag folgen. Schon die Nominierung ist eine große Anerkennung. Es ist sehr zu hoffen, dass sie erfolgreich sein wird.

Kulturstaatsministerin Prof. Monika Grütters betont: „Die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft begründet – wie die vielfältige deutsche Kulturlandschaft überhaupt – Deutschlands Ruf als Kulturnation. Nirgendwo sonst sind Schauspiel, Oper, Musical, Tanz oder Konzert in solcher Vielfalt und an so vielen Orten im ganzen Land zu erleben. Durch die Weitergabe und Neugestaltung von Dramaturgien, künstlerischen Praktiken und Ästhetiken verbinden sie Tradition und Innovation, die dieses Immaterielle Kulturerbe besonders auszeichnen. Die Theater- und Orchesterlandschaft bietet kulturelle Räume der Orientierung und Selbstvergewisserung, die wir heute mehr denn je brauchen. Denn Kultur schafft nicht nur Identität, sie ist auch unser stärkster Integrationsmotor.“

Dr. Claudia Bogedan, Präsidentin der Kultusministerkonferenz, unterstreicht: „Deutschland verfügt über eine einzigartige Vielfalt in der Theater- und Orchesterlandschaft, die wir in den öffentlich getragenen Stadt- und Staatstheatern, den Landesbühnen, einer großen Zahl von Privattheatern und freien Gruppen, Musik- und Theater-Festivals sowie Theater- und Sinfonieorchester täglich aufs Neue erleben dürfen. Durch die Dichte und Bandbreite der Theater und Orchester in Deutschland sind sowohl die Weitergabe des Könnens und Wissen dieses Immateriellen Kulturerbes als auch die Möglichkeiten der Weiterentwicklung von besonderer Bedeutung.“

Prof. Dr. Christoph Wulf, Vizepräsident der Deutschen UNESCO-Kommission, erklärt: „Jedes Theater- und Konzertereignis ist ein Raum des Erlebens und Erkennens der Welt aus neuen Perspektiven. Theaterensembles und Orchester sind wichtige Akteure in der gesellschaftspolitischen Gegenwartsdebatte. Sie gestalten so unser Gemeinwesen und unsere Zukunft mit. Unsere Theater sind lebendige Kulturakteure in ihrer Region. Die Kulturform trägt damit auch wesentlich zur lokalen und regionalen Identitätsbildung bei.“

Deutschland verfügt über die weltweit höchste Theaterdichte. Und auch die Orchesterdichte zählt zu den höchsten auf der ganzen Welt. Die Theater- und Orchesterlandschaft in Deutschland wird durch die rund 140 öffentlich getragenen Theater geprägt, also durch Stadttheater, Staatstheater und Landesbühnen. Hinzu kommen rund 220 Privattheater, etwa 130 Opern-, Sinfonie- und Kammerorchester und circa 70 Festspiele, etwa 150 Theater- und Spielstätten ohne festes Ensemble und um die 100 Tournee- und Gastspielbühnen ohne festes Haus. Darüber hinaus gibt es eine hohe Anzahl freier Gruppen.

Die Vielfalt der deutschen Theater- und Orchesterlandschaft entwickelte sich aus der kleinstaatlichen Verfasstheit Deutschlands im 17. und 18. Jahrhundert. Zu den in den Fürstentümern und Königreichen entstandenen Theatern und Orchestern kamen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts fremdsprachige Schauspielgruppen hinzu, die den Marktplatz und den Hof gleichermaßen bespielten. Das sich verfestigende Selbstbewusstsein des Bürgertums äußerte sich im 18. Jahrhundert zunächst im Gedanken des Nationaltheaters. Während des 19. Jahrhunderts etablierten sich dann die von den Bürgern getragenen Stadttheater und Konzertgesellschaften. Das Regietheater entstand Ende des 19. Jahrhunderts und entwickelte das Theater zur Kunstform.

2014 wurde die „Deutsche Theater- und Orchesterlandschaft“ auf Initiative des Deutschen Bühnenvereins und des Deutschen Musikrats in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Ein Eintrag ist die Vorbedingung für eine UNESCO-Nominierung.

 

Hintergrund:

Zum Immateriellen Kulturerbe zählen lebendige Traditionen aus den Bereichen Tanz, Theater, Musik, mündliche Überlieferungen, Naturwissen und Handwerkstechniken. Seit 2003 unterstützt die UNESCO den Schutz, die Dokumentation und den Erhalt dieser Kulturformen. Bis heute sind 171 Staaten dem UNESCO-Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes beigetreten. Deutschland ist seit 2013 Vertragsstaat.

Der Zwischenstaatliche Ausschuss zum Immateriellen Kulturerbe setzt sich aus 24 gewählten Vertragsstaaten der Konvention zum Immateriellen Kulturerbe zusammen. Er entscheidet jährlich über die Aufnahme neuer Kulturformen in die Listen des Immateriellen Kulturerbes. Bisher sind 366 Formen des Immateriellen Kulturerbes auf der internationalen Repräsentativen Liste eingetragen, 47 Elemente auf der Liste des dringend erhaltungsbedürftigen Immateriellen Kulturerbes und 17 Gute Praxisbeispiele zur Erhaltung immateriellen Kulturerbes. Kriterien für die Anerkennung sind unter anderem eine nachweisbare Lebendigkeit und eine identitätsstiftende Komponente für die Trägergemeinschaft der Kulturform, die Entwicklung von Erhaltungsmaßnahmen, eine weitreichende Beteiligung der Trägergemeinschaft und die Eintragung in ein nationales Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes. Mit der Einschreibung verpflichten sich die Vertragsstaaten, das Immaterielle Kulturerbe auf ihrem jeweiligen Staatsgebiet zu fördern.

Weitere Informationen:

Webseite der Deutschen UNESCO-Kommission zum Immateriellen Kulturerbe

http://unesco.de/index.php?id=7571&rid=t_5767&mid=1126&aC=ea39dee7&jumpurl=-1

„Wir füllen das Stadion“ – Der Orchester-Weltrekordversuch

Am 9. Juli 2016 werden 10.000 Musiker aus ganz Deutschland in der Commerzbank-Arena Frankfurt zusammenkommen und im Rahmen des Projekts WIR FÜLLEN DAS STADION 2016 gemeinsam musizieren. Die Leitung des größten Orchesters der Welt übernimmt der Gewinner des Echo Klassik und Hamburger Jazzpreises, Wolf Kerschek.

Wir füllen das Stadion 2016

Wir füllen das Stadion 2016

Im Rahmen dieses Events, bei dem insgesamt vier Musikstücke (Dvoráks 9. Symphonie (Auszüge), Beethovens 9. Symphonie, 4. Satz (Auszüge), Starlight Express aus dem gleichnamigen Musical und Music Was My First Love von John Miles) aus verschiedenen Genres gespielt werden, soll mit einem Weltrekordversuch des größten Orchesters der Welt insbesondere national aufzeigen, welch große und wichtige Rolle Musik für die deutsche Kultur spielt.

Weitere Informationen zur Veranstaltung finden Sie online unter www.wirfuellendasstadion.de

 

Kulturerbe Deutsche Orchesterlandschaft – Logo nutzen!

Vor einem Jahr wurde die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft auf Betreiben der Deutschen Orchestervereinigung und unter Kooperation von Deutschem Musikrat und Bühnenverein von der Deutschen UNESCO-Kommission in die nationale Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Das wurde in einer breiteren Öffentlichkeit, in den Medien und der Politik wahrgenommen; droht aber auch wieder in Vergessenheit zu geraten.

Daher sollten alle Orchester und Theater in Deutschland ein großes Interesse daran haben, den UNESCO-Titel stärker zu nutzen und in die Öffentlichkeit zu tragen. Für die Deutsche Theater- und Orchesterlandschaft wurde ein spezielles Logo entwickelt, welches von den verwendungsberechtigten Mitgliedern im Rahmen ihrer Öffentlichkeitsarbeit genutzt werden kann.

Das offizielle UNESCO-Logo

Das offizielle UNESCO-Logo

Das Logo kann als eps-Druck-Datei beim Generalsekretariat des Deutschen Musikrates angefordert werden (Generalsekretariat@musikrat.de). Das Logo sollte möglichst breit von vielen Orchestern und Theatern in Deutschland regelmäßig auf Spielzeitheften, Plakaten, Drucksachen und Flyern verwendet werden. Vor allem so kann in Verwaltung, Politik und Öffentlichkeit der besondere Kulturerbe-Status dokumentiert werden.

Deutsche Orchester und Theater: Eintrag in nationale Liste zum immateriellen Kulturerbe!

Die intensive Verbandsarbeit der Deutschen Orchestervereinigung hat nun endlich zum Erfolg geführt: Die deutschen Orchester und Theater haben jetzt eine Würdigung von nationaler Bedeutung erhalten. Sie gehören zu den 27 Traditionen und Wissensformen, die die Deutsche UNESCO-Kommission am 11. Dezember 2014 in das neue bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufnahm. Die Delegiertenversammlung der DOV hatte bereits 2009 in Erfurt eine entsprechende Resolution beschlossen.

UNESCO-Schutz, z.B. für Staatstheater Schwerin

UNESCO-Schutz, z.B. für Staatstheater Schwerin

„Diese Entscheidung zeigt, wie wertvoll unsere einzigartigen Orchester und Theater sind. Sie haben die Aufnahme auf Anhieb geschafft“, sagt Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung (DOV). Die Experten der Deutschen UNESCO-Kommission hatten über insgesamt 83 Vorschlägen abgestimmt. „Theater und Orchester haben nicht nur eine jahrhundertealte Tradition in Deutschland. Sie sind auch erhaltenswerte Impulsgeber für neue Entwicklungen und beteiligen sich mit den Mitteln der Kunst immer häufiger an gesellschaftlichen Debatten und Auseinandersetzungen. Sie stehen in der Mitte der Gesellschaft.“

Das offizielle UNESCO-Logo

Das offizielle UNESCO-Logo

Hintergrund

Die DOV hatte ihren Vorschlag gemeinsam über den Deutschen Musikrat mit den Deutschen Bühnenverein eingereicht. Mit der Schaffung des Verzeichnisses des immateriellen Kulturerbes setzt Deutschland eine Konvention der UNESCO um. Zum immateriellen Kulturerbe gehören lebendige Traditionen, zum Beispiel Musik, Theater oder Tanz, aber auch Naturwissen, Handwerkstechniken oder mündliche Überlieferungen. Das Motto der Konvention in Deutschland: „Wissen. Können. Weitergeben.“

Immaterielles Kulturerbe: Welche deutschen Nominierten sind die ersten?

Ab November 2014 wird es spannend: Wie lautet die deutsche Vorentscheidung für die ersten zwei Anmeldungen zum Immateriellen Kulturerbe an die UNESCO-Zentrale in Paris?

Festspielhaus Bayreuth

Festspielhaus Bayreuth – Ein Hort der deutschen Orchestertradition und des deutschen Orchesterklanges: Bald als Kulturerbe anerkannt?

Erst seit 2013 – und damit sehr viel später als zahlreiche andere Länder – ist Deutschland Vertragsstaat des UNESCO-Übereinkommens zum immateriellen Kulturerbe. Das Übereinkommen fördert und erhält in allen Weltregionen überliefertes Wissen, Können und Alltagskulturen. Das bundesweite Verzeichnis ist ein Beitrag zur Umsetzung des Übereinkommens in Deutschland. Nominierungen für die internationalen Listen des immateriellen Kulturerbes können frühestens 2015 nach dem deutschen Auswahlverfahren bei der UNESCO in Paris eingereicht werden.

„Mit dem bundesweiten Verzeichnis gibt es erstmals eine Wertschätzung des immateriellen Kulturerbes in Deutschland. Die Bewerbungen zeigen, wie breit gefächert die Ausdrucksformen bei uns sind“, meint Christoph Wulf, Vizepräsident der Deutschen UNESCO-Kommission und Vorsitzender des Expertenkomitees Immaterielles Kulturerbe. Wissen und Können werde seit Jahrhunderten von Generation zu Generation weitergegeben. „Veränderung gehört zu diesen Kulturformen. Gelebte Traditionen sollen erhalten, fortgeführt und weiterentwickelt werden“, so Wulf.

Eine Vorauswahl aus insgesamt 128 Bewerbungen von Verbänden, Vereinen und Einzelpersonen haben die Bundesländer getroffen. Danach standen für das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes 83 Vorschläge in der engeren Wahl. Darunter sind alle Bereiche, die in dem UNESCO-Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes genannt werden: 29 Bräuche, Rituale und Feste, 19 darstellende Künste, 19 Handwerkstraditionen und 13 Formen des Wissens im Umgang mit der Natur und dem Universum. Drei Vorschläge sind mündliche Erzähltraditionen.

Anwärter sind unter anderem die Sage „Der Rattenfänger von Hameln“, der Musikinstrumentenbau im Vogtland oder der Segelflug auf der Wasserkuppe. Der Vorschlag des Deutschen Bühnenvereins, die deutscher Orchester- und Theaterlandschaft aufzunehmen, vor allem unter dem Aspekt des Ensembletheaters (Stadttheater), und der Vorschlag des Deutschen Musikrats, die deutsche Orchesterlandschaft (Orchesterklang und -tradition) zu schützen, werden inzwischen zusammengefasst behandelt.

Das Expertenkomitee Immaterielles Kulturerbe der Deutschen UNESCO-Kommission (DUK) begutachtete von Juni bis Oktober 2014 die Vorschläge und gibt Empfehlungen für das bundesweite Verzeichnis. Die Anzahl der Aufnahmen in das bundesweite Verzeichnis ist nicht beschränkt. Nach Bestätigung durch die staatlichen Stellen sollen voraussichtlich im Dezember die ersten Einträge vorgestellt werden. Am Ende der letzten Auswahlrunde stehen je zwei Vorschläge pro Bundesland, also insgesamt 32. Hinzu kommen zwei weitere, länderübergreifende Vorschläge. Aus diesen 34 Vorschlägen schließlich erfolgt die Auswahl und offizielle Anmeldung von zunächst zwei Vorschlägen für die Eintragung in das internationale UNESCO Verzeichnis.

Das ist ein langes und aufwändiges Verfahren. Was bringt es am Ende? Diejenigen zwei „siegreichen“ Vorschläge, die es als erste in das internationale Verzeichnis schaffen, erzielen damit gewiss eine große Aufmerksamkeit. Diese wird auch international wahrgenommen werden; hat man sich doch in Fachkreisen immer wieder gewundert, warum ausgerechnet Deutschland als ausgesprochenes „Kulturland“ so lange mit der Unterzeichnung dieser internationalen Übereinkunft gewartet hatte. Ein hohes Renommee für die ersten beiden „Sieger“ ist also garantiert. Was aber geschieht mit den Vorschlägen aus der Vorauswahl, die es nicht im ersten Anlauf auf die internationale Liste schaffen? Nun, sie stehen jedenfalls auf der nationalen Liste. Auch das ist immerhin schon ein wichtiges Signal. Es gibt also eigentlich keine „Sieger“ und „Verlierer“, sondern nur unterschiedlich platzierte Gewinner.

Wer sich auf der nationalen Liste wiederfindet, ragt damit aus den ursprünglich 128 Vorschlägen heraus. Bereits dadurch ist eine Anerkennung und Wertschätzung im Sinne der UNESCO-Konvention verbunden. Um die öffentliche Wahrnehmung zu stärken kommt es dann darauf an, was die Beteiligten aus diesem Status machen. Die Deutsche UNESCO-Kommission ist ebenso wie die Verbände, Bundesländer und Kommunen gut beraten, wenn auch die Eintragungen der Vorschläge auf der nationalen Liste angemessen hervorgehoben, beworben und gewürdigt werden. Ähnlich wie bei vielen UNESCO -Welterbestätten durch die Anerkennung ein Marketing- und Tourismusfaktor generiert wurde, scheint dies auch beim immateriellen Kulturerbe durchaus eine mögliche und wünschenswerte Option.

Ein weiterer Punkt kann als sicher gelten: Die durch das erstmalig in Deutschland mögliche Antragsverfahren in Gang gesetzte Debatte, was denn eigentlich ein erhaltens- und schützenswertes immaterielles Kulturerbe ist, kommt allen zu Gute. Sie hat schon jetzt ein breiteres Bewusstsein dafür geschaffen, was uns kulturelle Bräuche und Traditionen auch in Deutschland wert sein müssen. Und diese Debatte wird weitergehen, denn: nach dem Antragsverfahren ist vor dem Antragsverfahren. Die nächste Runde kommt bestimmt. Dann können alle Vorschläge, die es im ersten Anlauf nicht nach Paris geschafft haben, erneut antreten.

Gerald Mertens

Dieser Artikel erscheint auch gedruckt in „politik & kultur“ – 6/2014

 

Exklusiv in Deutschland: Bayreuther Festspielorchester

Am 25. Juli ist es wieder so weit: Wie in jedem Jahr an diesem Tag hebt sich im Bayreuther Festspielhaus der Vorhang zu den großen Musiktheaterwerken Richard Wagners. Seit Gründung der Festspiele im Jahr 1876 dabei: das Bayreuther Festspielorchester.

Festspielhaus Bayreuth

Festspielhaus Bayreuth

Das gibt es exklusiv in dieser Form nur in Deutschland: Rund 200 Musiker aus renommierten deutschen und einigen ausländischen Berufsorchestern sowie Professoren von Musikhochschulen haben sich seit bereits Ende Juni in Bayreuth zur Probenphase zusammengefunden. Sie erzeugen im akustisch einzigartigen, treppenförmigen Orchestergraben des Festspielhauses und unter Top-Dirigenten einen einmaligen Wagner-Klang, der die Wagner-Fans aus aller Welt Jahr für Jahr nach Bayreuth strömen lässt. Diskussionen, das Festspielorchester durch ein stehendes Orchester abzulösen, gab es in der Vergangenheit immer wieder einmal. Zum Glück wurde daraus nichts.

So gesehen ist das Bayreuther Festspielorchester die Krönung der einzigartigen und über 500 Jahre alten deutschen Orchesterkultur und Traditionspflege. Dies gilt es dauerhaft zu erhalten. Damit auch die Bayreuther Wagner-Tradition weiter bestehen kann.