Thüringen: Früheres Parteivermögen zielgerichtet für Orchester und Theater einsetzen

Berlin – Die Deutsche Orchestervereinigung fordert, auch im Freistaat Thüringen die Mittel aus der Auflösung des Vermögens früherer DDR-Organisationen vor allem für strukturell unterfinanzierte Orchester und Theater einzusetzen. Hintergrund ist die erfolgte gerichtliche Klärung, wem die Zahlung der letzten Tranche der Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderausgaben zusteht. Die Anstalt verwaltete treuhänderisch das Vermögen der DDR-Parteien und -Organisationen. Insgesamt werden 185 Millionen Euro auf die östlichen Bundesländer verteilt.

Jenaer Philharmonie: Musiker verzichten auch hier auf Vergütung

Dem Landesfinanzministerium zufolge ist noch unklar, wann und wieviel Geld Thüringen erhalten wird. Im Haushaltsentwurf, den das Kabinett verabschiedete, seien jedoch entsprechende Vorkehrungen getroffen. Laut Absprache mit dem Bund müssen die Länder mit den zusätzlichen Mitteln Kultur oder Wirtschaft fördern. Mehr Geld brauchen vor allem die Orchester bzw. Musiktheater in Jena, Altenburg-Gera, Gotha-Eisenach, Saalfeld-Rudolstadt und Greiz-Reichenbach. Dort gelten noch immer Haustarife, mit denen die Musikerinnen und Musiker auf Teile ihres Gehalts verzichten.

„Besonders betroffen sind die Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach und die Vogtland Philharmonie Greiz Reichenbach“, sagt Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung. Die Musikerinnen und Musiker erhalten rund 20 bzw. 30 Prozent weniger als der Flächentarifvertrag vorschreibt. „Beide Orchester haben eine große Bedeutung in ihrer Region. Die DOV kämpft für eine gerechte und faire Entlohnung der Musikerinnen und Musiker“, sagt Mertens. „Zusätzliche Mittel aus der Vermögensauflösung früherer DDR-Organisationen können hier zielgerichtet eingesetzt werden.“

 

Studierendenprotest der HfM FRANZ LISZT Weimar gegen Abbau von Orchester- und Theaterstellen

Als Reaktion auf das Thesenpapier „Perspektive 2025“ von Prof. Benjamin-Immanuel Hoff, Minister für Kultur, Bundes- und Europaangelegenheiten und Chef der Thüringer Staatskanzlei, führen die Studierenden der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar seit Dezember 2015 eine Postkartenaktion durch.

Und ab geht die Post! (c) StuRa HfM Weimar

Und ab geht die Post! (c) StuRa HfM Weimar

Circa 300 rote Karten mit dem Slogan „sind wir kunst oder können wir weg?“ wurden seither an die Staatskanzlei verschickt. Auf der Rückseite der Postkarte ist die Positionierung der Studierendenschaft zu lesen. Sie beinhaltet die Forderung an Thüringens Kulturminister, die Pläne zur Umstrukturierung der Orchester- und Theaterlandschaft zu überdenken. Jeder der Studierenden, der bisher eine Postkarte unterschrieben und an Minister Hoff geschickt hat, fordert von Thüringens Kulturminister „mehr Mut zur Investition in Kultur sowie ein klares Bekenntnis zur Notwendigkeit von Kultur und kultureller Bildung in unserer Gesellschaft“.
Mit der Postkartenaktion und der Frage „sind wir kunst oder können wir weg?“ möchten die Studierenden auf den bedrohten Stellenwert von Kunst und Kultur in der Gesellschaft aufmerksam machen. Sie weisen auf die durch Orchester- und Theaterfusionen gefährdete berufliche Zukunft von Künstlern und Kulturschaffenden in Thüringen hin. Es ist ein Aufschrei über die Perspektiven in diesem Land: „Sie berauben uns unserer Zukunft und Identität!“, heißt es. Zudem betonen die Studierenden die Bedeutung des Deutschen Nationaltheaters für den Studienstandort Weimar und die Ausbildung an der dortigen Musikhochschule.

Die Postkartenaktion umrahmt den offenen Brief der Studierenden, der im Dezember an Minister Hoff ging und in dem ihre Positionierung und ihre Forderungen ausführlicher erläutert werden. Bisher hat circa die Hälfte aller Studierenden der HfM FRANZ LISZT Weimar eine Postkarte abgeschickt. Ziel ist, dass die rote Kartenflut in der Staatskanzlei nicht abebbt, bis alle Studierenden teilgenommen haben.

Weihnachtswunsch: Mehr Kulturpolitik mit Weitblick statt vorauseilender Gehorsam

Die Kulturpolitik einzelner Bundesländer schadet vor allem Orchestern und Theatern. Zu vielen Politikern fehlt die Empathie für das, was Orchester und Musik in der Gesellschaft bewirken. Der Berliner Zeichner Thilo Krapp nimmt erneut in diesem Sinne und aus aktuellem Anlass den Thüringer Kulturminister Benjamin Immanuel Hoff aufs Korn…

TK_Vorsorglicher_Stellenabbau

Dagegen stehen die weitblickenden Aussagen des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zur Kulturverantwortung der öffentlichen Hand wie ein Fels in der Brandung. Diese Aussagen und Bekenntnisse kann man nicht oft genug wiederholen und weiter verbreiten. Das wünschen wir uns (nicht nur) zu Weihnachten.

Kulturförderung_von_Weizsäcker

Thüringer Theater- und Orchesterstruktur – Perspektive 2025 … auch als Karikatur erhältlich

Seit Monaten laufen in Thüringen unter dem Stichwort #theaterreform bzw. Perspektive 2025 erneut die Diskussionen über die Zukunft der Thüringer Orchester- und Theaterlandschaft. Zu Beginn der Debatte hatte der Chef der Thüringer Staatskanzlei und Kulturminister Benjamin Immanuel Hoff erwähnt, man müsse bei den Gedankenspielen auch einmal einen „schwarzen Schwan“ fahren lassen dürfen.

Diese Aussage hat den Berliner Zeichner Thilo Krapp veranlasst, die Überlegung einmal bildlich umzusetzen.

Schwarzer Schwan im Solo

Schwarzer Schwan im Solo

(c) Thilo Krapp

Droht Kahlschlag bei Thüringer Orchestern und Theatern?

Die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) droht massiven Widerstand an gegen die am 20. August 2015 durch die Thüringer Landeszeitung und den MDR öffentlich gewordenen Abbaupläne der Thüringer Staatskanzlei für die Orchester und Theater im Freistaat. Den Medienberichten zufolge sollen u.a. das Deutsche Nationaltheater Weimar die Opernsparte aufgeben, die Landeskapelle Eisenach aufgelöst und die Thüringen Philharmonie Gotha mit dem Orchester in Erfurt fusioniert und verkleinert werden.

Sollen abgewickelt werden: Landeskapelle Eisenach

Sollen abgewickelt werden: Landeskapelle Eisenach

Die aktuellen Abbau- und Fusionspläne von Minister Benjamin-Immanuel Hoff sind inakzeptabel. Die Art und Weise, wie hier mit Thüringer Künstlerinnen und Künstlern und ihren Verbänden umgegangen wird, ist einfach unwürdig. Bereits seit neun Monaten hatte die DOV der Thüringer Staatskanzlei einen Dialog zur Lage und zur Zukunft der Orchester und Theater angeboten. Und nun soll man als Berufsverband und Vertreter der Beschäftigten einfach vor vollendete Tatsachen gesetzt werden. Das werden die Orchester und Theater im Land nicht einfach hinnehmen. Auch Oberbürgermeister, Landräte und Intendanten werden sich nun fragen lassen müssen, auf welcher Seite sie stehen.

Hoff ist ein durchaus geschickter Rhetoriker. Jedoch bei den erneut anstehenden Strukturüberlegungen zu den Thüringer Orchestern und Theatern schätzt er die Aufstellung der Protagonisten falsch ein: Er spricht vom „Trialog“ zwischen Land mit Intendanten und Kommunen. Mal ehrlich: Minister und Staatssekretäre (Land), Oberbürgermeister und Landräte (Kommunen) und Intendanten haben alle befristete Verträge/Mandate, und man hat seit 1990 schon viele von ihnen kommen und wieder gehen sehen. Das wird auch so bleiben. Andererseits: Die überwiegend aus der thüringischen Kleinstaaterei (Alleinstellungsmerkmal!) entstandenen und dadurch besonders traditionsreichen Orchester und Theater und ihre Beschäftigten (!) waren oft schon vor ihnen da und sind häufig auch nach den Abgängen der Protagonisten des „Trialogs“ immer noch da. Ebenso wie das Publikum, die Freunde und Förderer, die Wählerinnen und Wähler…

Wer als Minister den Beschäftigten der Orchester und Theater und ihrer Berufsverbände (Gewerkschaften) nicht absolut auf Augenhöhe begegnet, wird einen schweren Stand haben. Allein der ansatzweise Versuch, vollendete Tatsachen aus dem „Trialog“ am Ende den Beschäftigten zu präsentieren, sollte eigentlich nicht Maßstab einer rot-rot-grünen Landesregierung sein. Da reicht es auch nicht, mal im Landestheater Eisenach auf einer Betriebsversammlung aufzulaufen oder Smalltalk mit der Thüringer Orchesterkonferenz zu halten.

In den vergangenen 25 Jahren wurden in Thüringen von ehemals über 1000 Musikerstellen bereits über 400 abgebaut. Wenn man den Ruf Thüringens als Kulturland nicht endgültig ramponieren will, muss mit dem Abbau doch irgendwann einmal Schluss sein. Man kann darauf hoffen, dass die Staatskanzlei ihre Pläne umgehend revidiert und zeitnah in einen echten Sachdialog mit den Künstlerinnen und Künstlern und ihren Verbänden eintritt. Nur dadurch könnte dem bevorstehenden breiten Widerstand der Betroffenen und der Thüringer Bürgerinnen und Bürger gegen diesen erneuten Angriff auf die Thüringer Orchester- und Theaterlandschaft begegnet werden.

Die nächsten Wochen werden in Thüringen mal wieder spannend. Politisch, medial und rhetorisch.

Niemand hat die Absicht, ein Theater dichtzumachen

Ein ebenso bemerkens- wie lesenswerter Artikel über die von der rot-roten Landesregierung in Thüringen geplanten Veränderungen bei den Orchestern und Theatern ist in der Thüringischen Landeszeitung erschienen.

Jenaer Philharmonie

Eines von vielen Thüringer Orchestern: die Jenaer Philharmonie im Volkshaus

Kenntnisreich beschreibt Autor Wolfgang Hirsch, in welcher Zwickmühle Benjamin-Immanuel Hoff (Linke), der für Kultur zuständige Staatskanzleiminister, steckt: Einerseits will er alle Standorte erhalten, wie er gebetsmühlenartig betont. Mehr Geld soll es aber andererseits nicht geben. Die Quadratur des Kreises?
Den Artikel gibt es hier.