Ohne politische Wertschätzung funktioniert kein Orchester

Orchester in Deutschland sind ganz überwiegend öffentlich finanziert. Von Ländern, Kommunen oder Rundfunkanstalten. Überall bestimmen Politik und Verwaltung mit.

Die Qualität und Intensität dieser Einflussnahme ist allerdings sehr unterschiedlich. Als Faustformel kann gelten: je größer das persönliche Engagement politischer Entscheider, je größer die Wertschätzung für ein Orchester, desto größer seine Ausstrahlung.  Im Umkehrschluss: mangelnde Wertschätzung der Entscheider behindert die Entwicklung eines Orchesters und gefährdet gar seine Zukunft.

Aktuelles Beispiel: in einem Interview mit dem NDR beklagt die Orchesterdirektorin der Mecklenburgischen Staatskapelle Schwerin, Victoria Tafferner, den mangelnden Rückhalt durch das Land Mecklenburg-Vorpommern: https://www.ndr.de/kultur/musik/Staatskapelle-MV-Tafferner-kritisiert-Sparpolitik,tafferner106.html

Es bedarf auch in Schwerin intensiver Gespräche mit (und ein Einsehen) der Landesregierung, um hier endlich nach Jahrzehnten der Kürzungen und Schrumpfungen eine positive Entwicklung in Gang zu setzen.

Zur neuen Spielzeit: Die Ärmel hochkrempeln!

Die Konzert- und Spielzeitpause geht zu Ende, erste Orchester, Rundfunkchöre und Bigbands starten in eine neue Saison. Was erwartet uns in den kommenden Monaten? Die öffentlichen Rundfunkanstalten sehen sich einem weiter steigenden Druck in der Debatte um ihre Legitimation und Finanzierung ausgesetzt: Zeitungsverleger und ihre Printmedien, Vertreter des privaten Rundfunks und der Medienpolitik – alle zerren an ARD, ZDF und Deutschlandfunk. Zwar hat das Bundesverfassungsgericht vor wenigen Wochen die Haushaltsabgabe ganz überwiegend für verfassungsgemäß erklärt. Auch scheint der Streit halbwegs geklärt, wie viele presseähnliche Angebote die Rundfunksender machen dürfen. Aber noch immer ist keine schlüssige Antwort gefunden, wie in Zukunft eine verlässliche und auskömmliche Finanzierung der Anstalten und damit ihres Bildungs- und Kulturauftrags – einschließlich der Klangkörper – aussehen soll. Das lässt Raum für verwegene Spekulationen und politische Forderungen jeglicher Couleur.

Gute Aktion: der WDR zeigt mit vier Klangkörpern Flagge!

Was kann in dieser Lage getan werden? Der WDR jedenfalls zeigt Flagge. Am 8. September lässt er alle vier Klangkörper gemeinsam in einem Konzert zur neuen Saison auftreten. WDR Sinfonieorchester, Funkhausorchester, Chor und Bigband zeigen die gesamte Bandbreite ihrer musikalischen Möglichkeiten. Damit hoffentlich jeder merkt, warum Rundfunkgebühren hier gut investiert sind und am Ende auch einer gelebten kulturellen Vielfalt dienen. Zu deren Schutz sich Deutschland ja auch völkerrechtlich verpflichtet hat.

Für die Kommunal- und Staatsorchester ergibt sich in der neuen Saison ein gemischtes Bild: neue Chefdirigenten oder Theaterleitungen bringen frischen Wind, von Frankfurt (Oder) bis Ludwigshafen. In Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg verbessern sich die grundsätzlichen Rahmenbedingungen der Kulturfinanzierung, wobei für die DOV eine Menge kleinteilige Tarifarbeit und Lobbying bevorstehen.

Jetzt gilt es, aus viele Jahre geltenden Notlagen-Tarifverträgen herauszukommen, und in möglichst großen Schritten wieder Anschluss an die geltenden Flächentarife zu erreichen. In Bayern fordert die DOV, die Finanzierung der nichtstaatlichen Orchester zu verbessern, ebenso in Hamburg für die dortigen Symphoniker. Tarifpolitisch geht es in den kommenden Monaten gegenüber dem Deutschen Bühnenverein um die Debatte der TVK-Vergütungsstruktur.

Also: Die Ärmel hochkrempeln und los geht’s!

Gerald Mertens, Geschäftsführer der DOV

ARTE: Zu wenig Geld für deutsche Orchester

Jedes zweite Profiorchester hat seinen Sitz in Deutschland. 18,2 Millionen Besucher zählen die Konzertsäle. Das sind mehr als die erste Fußballbundesliga vorweisen kann. Die deutsche Orchesterlandschaft hat wegen ihrer Vielfalt und Größe gute Chancen, 2019 von der UNESCO zum Weltkulturerbe anerkannt zu werden. Dennoch schlägt die Deutsche Orchestervereinigung Alarm: Rund ein Drittel der deutschen Orchester zahlen Vergütungen unterhalb des Flächenvertrages.
Kulturstaatsministerin Grütters meint dazu im ARTE-Interview: Länder und Kommunen sollten ihre Orchester gut behandeln. Dazu gehöre auch, „anständige Löhne und Tarife zu zahlen.“ 100 Prozent Zustimmung!

https://www.arte.tv/de/videos/082117-000-A/zu-wenig-geld-fuer-deutsche-orchester/

2018: Mehr Geld für Orchester und Theater!

Geht es der Wirtschaft schlecht und die Steuereinnahmen sinken, werden die öffentlichen Ausgaben im Kulturbereich als erstes gekürzt. Geht es der Wirtschaft gut und die Steuereinnahmen sprudeln, werden die Ausgaben im Kulturbereich als letztes erhöht. Dieser Eindruck drängt sich auf, wenn man die Entwicklung der letzten zehn Jahre verfolgt. Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009, vor allem ausgelöst durch die Banken- und Investmentkrise in den USA, war auch in der Kulturfinanzierung in Deutschland zu spüren. Nicht nur bei öffentlichen Kultureinrichtungen, auch bei zahlreichen Musikfestivals, die die Zurückhaltung von Sponsoren zu spüren bekamen.

Viele Orchester und Theater brauchen eine bessere Finanzierung – Staatstheater Schwerin (c) DOV

Im Moment sprudeln die Steuereinnahmen für Bund, Länder und Kommunen so gut wie schon lange nicht mehr. Die öffentlichen Kassen sind voll. Die Wirtschaft brummt. Arbeitskräfte werden knapp. Die Beschäftigungsquote in Deutschland ist so hoch wie seit 1990 nicht mehr. Und ist nun deswegen finanziell alles gut für die Orchester und Theater in Deutschland? Leider nein. Zwar kann man sich über neu eröffnete und renovierte Konzertsäle und Theatergebäude freuen. Auch ist der Bund erstmals mit dem Programm „Exzellente Orchesterlandschaft Deutschland“ verstärkt in die Finanzierung von Sonderprojekten regionaler Orchester eingestiegen. Ebenso gibt es vom Bund mehr Geld für die Stiftung Oper in Berlin und die Berliner Philharmoniker. In Nordrhein-Westfalen will die neue Landesregierung den Kulturhaushalt verdoppeln. Aber bei vielen Orchestern, vor allem in den fünf östlichen Bundesländern, die seit Jahren unter Haustarifverträgen arbeiten, in denen Musiker auf Vergütung verzichten, ist der neue Aufschwung noch nicht angekommen. Allein im Freistaat Sachsen klafft eine Finanzierungslücke von 12 bis 15 Millionen € bei den Personalkosten der Orchester und Theater.

Will der Staat glaubhaft bleiben, muss er neben notwendigen Investitionen, zum Beispiel in die digitale Infrastruktur, dort mehr Geld ausgeben, wo er in der Vergangenheit erkennbar zu stark gekürzt bzw. zu wenig erhöht hat. Im Freistaat Sachsen z.B. sind dies die Bereiche Bildung, Polizei, aber eben auch Kultur. Ausgerechnet in Sachsen, wo die Kultur per Gesetz im Jahr 1994 zur Pflichtaufgabe erklärt wurde, gibt es in Orchestern und Theatern im bundesweiten Vergleich die meisten Haustarifverträge mit Lohnverzicht der Beschäftigten. Diese Paradoxie muss ein Ende haben. Und zwar unverzüglich. Die DOV wird diesen Missstand gemeinsam mit den Betroffenen erneut anprangern. In der Hoffnung, dass die politisch Verantwortlichen den Hebel endlich umlegen und für eine auskömmliche Finanzierung der Orchester und Theater sorgen.

Gerald Mertens

Thüringen: Früheres Parteivermögen zielgerichtet für Orchester und Theater einsetzen

Berlin – Die Deutsche Orchestervereinigung fordert, auch im Freistaat Thüringen die Mittel aus der Auflösung des Vermögens früherer DDR-Organisationen vor allem für strukturell unterfinanzierte Orchester und Theater einzusetzen. Hintergrund ist die erfolgte gerichtliche Klärung, wem die Zahlung der letzten Tranche der Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderausgaben zusteht. Die Anstalt verwaltete treuhänderisch das Vermögen der DDR-Parteien und -Organisationen. Insgesamt werden 185 Millionen Euro auf die östlichen Bundesländer verteilt.

Jenaer Philharmonie: Musiker verzichten auch hier auf Vergütung

Dem Landesfinanzministerium zufolge ist noch unklar, wann und wieviel Geld Thüringen erhalten wird. Im Haushaltsentwurf, den das Kabinett verabschiedete, seien jedoch entsprechende Vorkehrungen getroffen. Laut Absprache mit dem Bund müssen die Länder mit den zusätzlichen Mitteln Kultur oder Wirtschaft fördern. Mehr Geld brauchen vor allem die Orchester bzw. Musiktheater in Jena, Altenburg-Gera, Gotha-Eisenach, Saalfeld-Rudolstadt und Greiz-Reichenbach. Dort gelten noch immer Haustarife, mit denen die Musikerinnen und Musiker auf Teile ihres Gehalts verzichten.

„Besonders betroffen sind die Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach und die Vogtland Philharmonie Greiz Reichenbach“, sagt Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung. Die Musikerinnen und Musiker erhalten rund 20 bzw. 30 Prozent weniger als der Flächentarifvertrag vorschreibt. „Beide Orchester haben eine große Bedeutung in ihrer Region. Die DOV kämpft für eine gerechte und faire Entlohnung der Musikerinnen und Musiker“, sagt Mertens. „Zusätzliche Mittel aus der Vermögensauflösung früherer DDR-Organisationen können hier zielgerichtet eingesetzt werden.“

 

Deutsche Orchesterkonferenz 2018 in Halle/Saale

Diesen Termin sollte man sich vormerken: am 24. April 2018 findet die nächste Deutsche Orchesterkonferenz in Halle/Saale statt. Die ganztätige Veranstaltung in der Georg-Friedrich-Händel Halle befasst sich mit Musikvermittlung und Qualitätsmanagement im Rundfunk sowie für Orchester, Konzerthäuser.

Sprecher und Diskutanten aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden diskutieren mit Kultur- und Medienpolitikern, mit Praktikern und Moderatoren aus der Musikvermittlung, mit Rundfunkverantwortlichen und Konzerthauschefs. Die Veranstaltung richtet sich vorrangig an Orchester- und Chormanager, Mitglieder professioneller Orchester und Chöre, Musikvermitler*innen, Kulturpolitiker*innen, Kulturmanager*innen und sonstige Interessierte.

Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung erforderlich. Weitere Informationen zum Programm demnächst auf der Webseite der Deutschen Orchestervereinigung unter „Deutsche Orchesterkonferenz“ (www.dov.org).

Orchester, Theater und Festivals gut aufgestellt für das neue Jahr

Die Mehrzahl der Orchester, Theater und Musikfestival hat in Deutschland gegenwärtig einen „guten Lauf“. Es gibt zwar immer einige Einrichtungen, die vor Ort mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben, wie z.B. das Volkstheater Rostock mit einem eher inkompetenten Oberbürgermeister oder das Theater Trier mit den Folgen einer von der Stadt vergeigten Intendantenfindung. Aber das sind Einzelfälle.

Neu eröffnet im Dezember 2016: Pierre Boulez Saal in Berlin

Neu eröffnet im Dezember 2016: Pierre Boulez Saal in Berlin

Neue Spielstätten

Schaut man sich zum Jahreswechsel in der deutschen Musiklandschaft um, überwiegt ganz deutlich das Positive. Da wären die zahlreichen Neueröffnungen und Wiedereröffnungen von Spielstätten zu nennen: Die Bochumer Symphoniker verfügen seit Ende Oktober 2016 mit dem Musikforum Ruhr endlich über eine eigene Spielstätte in der Stadtmitte mit knapp 1000 Plätzen. Zum Eröffnungswochenende kamen rund 40.000 Besucher. Am 8. Dezember wurde in Berlin-Mitte hinter der Staatsoper der neue Pierre Boulez Saal durch die Barenboim-Said Foundation eröffnet (Foto). Der Saal fasst rund 700 Besucher und ist ideal für Kammermusik und kleine Sinfonik. In Dresden haben im ehemaligen Kraftwerk Mitte die Staatsoperette Dresden und das Theater der jungen Generation eine neue Spielstätte eröffnet. Im Januar folgt endlich die lang ersehnte und immer wieder verschobene Eröffnung der Elbphilharmonie im Hamburger Hafen. Am 28. April 2017 wird ebenfalls in Dresden der völlig neu eingebaute Konzertsaal im Kulturpalast am Altmarkt durch die Dresdener Philharmonie in Betrieb genommen; am 3. Oktober 2017 soll die Deutsche Staatsoper in Berlin wieder eröffnen. Neubauten in Nürnberg und München sind in Planung, Renovierungen in Karlsruhe, Augsburg, Coburg, Lübeck oder in München (Gärtnerplatztheater) auf dem Weg. Und schließlich hat dann auch noch der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages über 10 Mio. Euro für die Renovierung der Laeiszhalle in Hamburg bewilligt.

Zusätzliche Bundesmittel

Überhaupt waren die Haushälter des Bundes im Herbst 2016 den Orchestern besonders gewogen: Im neuen Programm „Exzellente Orchesterlandschaft Deutschland“ sollen zunächst sechs mittlere Konzertorchester in einem Modellversuch für fünf Jahre mit zusätzlichem Bundesgeld (900.000 Euro pro Orchester im Jahr) ihre Produktivität und die Qualität ihrer Arbeit messbar steigern. Mit dabei sind zunächst die Hamburger Symphoniker, die Jenaer Philharmonie, die Stuttgarter Philharmoniker, die Münchner Symphoniker, die Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz und die Bochumer Symphoniker. Zahlreiche Details der Umsetzung des Programms müssen noch geklärt werden, aber die Geste des Bundes für eine nachhaltige Orchesterfinanzierung ist schon beeindruckend und Maßstab setzend.

Stabiler bzw. steigender Publikumszuspruch

Schaut man sich die Spielzeitbilanzen vieler Bühnen und Klassik-Musikfestivals oder den Zuspruch zu Klassik Open-Air-Konzerten des Sommers 2016 an, so überwiegen auch dort die Positivmeldungen mit hohen Auslastungszahlen von über 80 Prozent oder sogar deutlich mehr. Von einer Krise der Klassik also keine Spur. Und an den wenigen Standorten, an denen die Publikumsauslastung nicht überzeugt, sind die Probleme vom Management oder von den politisch Verantwortlichen (oder von beiden) hausgemacht; womit wir wieder in Rostock oder Trier wären.

Immaterielles UNESCO Kulturerbe

Der kulturpolitische Höhepunkt im zu Ende gehenden Jahr 2016 schließlich und Katalysator für die kommenden drei Jahre ist der gemeinsame Beschluss von Bund und Ländern, die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft nicht nur auf der nationalen Liste des immateriellen Kulturerbes zu belassen (seit Dezember 2014), sondern sie auch in die internationale Kulturerbeliste aufnehmen zu lassen. Dies wird die kulturpolitische Agenda bis zur endgültigen Aufnahmeentscheidung durch die UNESCO Ende 2019 mit bestimmen.

Gerald Mertens