Orchester in Deutschland – ein Überblick

Die Orchesterszene in Deutschland ist in ihrer Tradition und Vielfalt weltweit einzigartig. Wussten Sie zum Beispiel, dass das älteste, bis heute durchgängig existierende deutsche Orchester bereits 1502 gegründet wurde? Oder dass die deutsche Orchester- und Theaterlandschaft seit Dezember 2014 auf der nationalen Liste des immateriellen Kultuerbes der Deutschen UNESCO Kommission steht?

Aktuelle Orchesterstrukturkarte (c) DMR-MIZ

Aktuelle Orchesterstrukturkarte (c) DMR-MIZ

Hierüber und über zahlreiche andere Fakten, Zahlen und Entwicklungen der Orchesterlandschaft veröffentlicht das Deutsche Musikinformationszentrum in Bonn einen regelmäßig aktualisierten Fachartikel sowie Zahlentabellen und Grafiken.

Der Überblick über die deutsche Orchesterlandschaft wurde gerade zum 1. Juni 2016 neu überarbeitet und ist hier zu finden: http://www.miz.org/static_de/themenportale/einfuehrungstexte_pdf/03_KonzerteMusiktheater/mertens.pdf

 

Weihnachtswunsch: Mehr Kulturpolitik mit Weitblick statt vorauseilender Gehorsam

Die Kulturpolitik einzelner Bundesländer schadet vor allem Orchestern und Theatern. Zu vielen Politikern fehlt die Empathie für das, was Orchester und Musik in der Gesellschaft bewirken. Der Berliner Zeichner Thilo Krapp nimmt erneut in diesem Sinne und aus aktuellem Anlass den Thüringer Kulturminister Benjamin Immanuel Hoff aufs Korn…

TK_Vorsorglicher_Stellenabbau

Dagegen stehen die weitblickenden Aussagen des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zur Kulturverantwortung der öffentlichen Hand wie ein Fels in der Brandung. Diese Aussagen und Bekenntnisse kann man nicht oft genug wiederholen und weiter verbreiten. Das wünschen wir uns (nicht nur) zu Weihnachten.

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Thüringer Theater- und Orchesterstruktur – Perspektive 2025 … auch als Karikatur erhältlich

Seit Monaten laufen in Thüringen unter dem Stichwort #theaterreform bzw. Perspektive 2025 erneut die Diskussionen über die Zukunft der Thüringer Orchester- und Theaterlandschaft. Zu Beginn der Debatte hatte der Chef der Thüringer Staatskanzlei und Kulturminister Benjamin Immanuel Hoff erwähnt, man müsse bei den Gedankenspielen auch einmal einen „schwarzen Schwan“ fahren lassen dürfen.

Diese Aussage hat den Berliner Zeichner Thilo Krapp veranlasst, die Überlegung einmal bildlich umzusetzen.

Schwarzer Schwan im Solo

Schwarzer Schwan im Solo

(c) Thilo Krapp

Droht Kahlschlag bei Thüringer Orchestern und Theatern?

Die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) droht massiven Widerstand an gegen die am 20. August 2015 durch die Thüringer Landeszeitung und den MDR öffentlich gewordenen Abbaupläne der Thüringer Staatskanzlei für die Orchester und Theater im Freistaat. Den Medienberichten zufolge sollen u.a. das Deutsche Nationaltheater Weimar die Opernsparte aufgeben, die Landeskapelle Eisenach aufgelöst und die Thüringen Philharmonie Gotha mit dem Orchester in Erfurt fusioniert und verkleinert werden.

Sollen abgewickelt werden: Landeskapelle Eisenach

Sollen abgewickelt werden: Landeskapelle Eisenach

Die aktuellen Abbau- und Fusionspläne von Minister Benjamin-Immanuel Hoff sind inakzeptabel. Die Art und Weise, wie hier mit Thüringer Künstlerinnen und Künstlern und ihren Verbänden umgegangen wird, ist einfach unwürdig. Bereits seit neun Monaten hatte die DOV der Thüringer Staatskanzlei einen Dialog zur Lage und zur Zukunft der Orchester und Theater angeboten. Und nun soll man als Berufsverband und Vertreter der Beschäftigten einfach vor vollendete Tatsachen gesetzt werden. Das werden die Orchester und Theater im Land nicht einfach hinnehmen. Auch Oberbürgermeister, Landräte und Intendanten werden sich nun fragen lassen müssen, auf welcher Seite sie stehen.

Hoff ist ein durchaus geschickter Rhetoriker. Jedoch bei den erneut anstehenden Strukturüberlegungen zu den Thüringer Orchestern und Theatern schätzt er die Aufstellung der Protagonisten falsch ein: Er spricht vom „Trialog“ zwischen Land mit Intendanten und Kommunen. Mal ehrlich: Minister und Staatssekretäre (Land), Oberbürgermeister und Landräte (Kommunen) und Intendanten haben alle befristete Verträge/Mandate, und man hat seit 1990 schon viele von ihnen kommen und wieder gehen sehen. Das wird auch so bleiben. Andererseits: Die überwiegend aus der thüringischen Kleinstaaterei (Alleinstellungsmerkmal!) entstandenen und dadurch besonders traditionsreichen Orchester und Theater und ihre Beschäftigten (!) waren oft schon vor ihnen da und sind häufig auch nach den Abgängen der Protagonisten des „Trialogs“ immer noch da. Ebenso wie das Publikum, die Freunde und Förderer, die Wählerinnen und Wähler…

Wer als Minister den Beschäftigten der Orchester und Theater und ihrer Berufsverbände (Gewerkschaften) nicht absolut auf Augenhöhe begegnet, wird einen schweren Stand haben. Allein der ansatzweise Versuch, vollendete Tatsachen aus dem „Trialog“ am Ende den Beschäftigten zu präsentieren, sollte eigentlich nicht Maßstab einer rot-rot-grünen Landesregierung sein. Da reicht es auch nicht, mal im Landestheater Eisenach auf einer Betriebsversammlung aufzulaufen oder Smalltalk mit der Thüringer Orchesterkonferenz zu halten.

In den vergangenen 25 Jahren wurden in Thüringen von ehemals über 1000 Musikerstellen bereits über 400 abgebaut. Wenn man den Ruf Thüringens als Kulturland nicht endgültig ramponieren will, muss mit dem Abbau doch irgendwann einmal Schluss sein. Man kann darauf hoffen, dass die Staatskanzlei ihre Pläne umgehend revidiert und zeitnah in einen echten Sachdialog mit den Künstlerinnen und Künstlern und ihren Verbänden eintritt. Nur dadurch könnte dem bevorstehenden breiten Widerstand der Betroffenen und der Thüringer Bürgerinnen und Bürger gegen diesen erneuten Angriff auf die Thüringer Orchester- und Theaterlandschaft begegnet werden.

Die nächsten Wochen werden in Thüringen mal wieder spannend. Politisch, medial und rhetorisch.

„Hört doch endlich auf zu jammern?“

… mit dieser Überschrift veröffentlichte die Wochenzeitschrift ZEIT am 12. Januar 2015 Tagen einen Beitrag von Volker Hagedorn, der darin der Klassikbranche empfahl, doch endlich mit dem Jammern aufzuhören. Natürlich gebe es Gründe, natürlich müsse die Klassikszene kämpfen, „gegen Orchesterschließungen, für bessere Dozentenbedingungen, um das Publikum, für viel mehr aktuelle Musik“ usw. Aber, so Hagedorn, müsse man nicht endlich die positiven Strömungen benennen, statt andauernd zu klagen?

Zum Beispiel Bayreuth - Deutsche Klassikszene im Jammertal!?

Zum Beispiel Bayreuth – Deutsche Klassikszene im Jammertal!?

Die Zahl der Konzertbesucher steige, ebenso wie die Zahl der Konzerte, Konzerthäuser seien gut ausgelastet auch die Tonträgerindustrie befinde sich auf dem Weg der Besserung. Hagedorn fordert: „Bloß nicht dem Rechtfertigungsdruck nachgeben… Wer Beweise sammelt, hat erst recht verloren, der begibt sich nämlich in die Legitimierungsdruckkammer. Dort muss die Klassik erklären, warum sie klasse ist, nötig und begehrt und jeden Cent wert…“ Musiker sollten vielmehr selbstbewusst und öffentlich für ihre Kunst eintreten. Vielleicht müsse die Klassik „wohl mal Boxen üben, um sich das Jammern abzugewöhnen.“

Wer den ganzen Artikel nachliest, wird ihn im Ergebnis wahrscheinlich mit einem „Einerseits – Andererseits“ bewerten. Einerseits sind die gravierenden Einschnitte und Strukturveränderungen in der deutschen Theater- und Orchesterlandschaft in den letzten Jahren eine nackte Tatsache. Andererseits gibt es so viele positive Neuentwicklungen im Bereich der Musikvermittlung, bei neuen Konzertformaten, bei innovativen Aktivitäten von Theatern und Orchestern, bei der Auslastung von Konzert- und Opernhäusern, dass die Szene in der Tat gut beraten sein könnte, das allgemeine Wehklagen einzustellen.

Einerseits: aus der journalistischen Wärmestube eines Feuilletonisten schreibt es sich ganz locker darüber, wie sich die Protagonisten der Klassikszene neu aufstellen sollten. Andererseits: die Mühen der Ebene, die Diskussionen mit Landes- und Kommunalpolitikern um eine auskömmliche Kulturfinanzierung oder – noch schlimmer – die Diskussionen mit Politikern, die die Theater- oder Orchester ohne jedwede persönliche Empathie als bloße und überflüssige Kostenfaktoren gerne zusammenstreichen und abwickeln wollen, blendet der Journalist Hagedorn aus.

Einerseits: Wer vom Weltbild eines gebildeten und wissenden, vernünftigen „homo politicus“ ausgeht, kann so argumentieren wie Hagedorn. Andererseits: Wer allerdings mit einem Kulturpolitiker spricht, dem man erst die Wirkung von klassischer Musik und die Funktion eines Orchesters erklären muss, weil er nichts Näheres davon weiß, der ist schon wieder in der Erklärungsecke und damit nahe an der Rechtfertigung.

Im Ergebnis ist die Forderung, mit dem Jammern aufzuhören grundsätzlich richtig, da sie ein dauerhaft schlechtes Bild auf eines der schönsten Tätigkeitsfelder wirft, das man sich als Musiker vorstellen kann, nämlich das von klassischer Musik und Oper. Das Ziel ist also richtig beschrieben, nur der Weg dahin ist nicht geradlinig. Jeder einzelne Musiker, der überzeugt von seinem Beruf ist, darf sich auch dazu berufen fühlen, jedem Dritten, seinen Freunden, seinen Nachbarn, aber auch den für ihn zuständigen Politikern, persönlich, emotional und anfassbar deutlich zu machen, welchen Wert Musik für ihn hat und für die gesamte Gesellschaft haben muss.

Einmal Mäck-Pomm, aber bitte ohne Ketchup… – Warum das OrchesterlanD gefährdet ist

Wir zählen sie nicht mehr, die Brandmeldungen, Pressemeldungen und DOV-Brennpunkte, die wir in den vergangenen Jahren der Kulturpolitik in Mecklenburg-Vorpommern (im Volksmund: „Mäck-Pomm“) gewidmet haben. Kein Wunder bei diesen, im „Kulturstaat“ Deutschland dem Grunde nach inakzeptablen Rahmenbedingungen. Man kann es nicht oft genug betonen: Die Zuschüsse des Landes für die Theater und Orchester sind seit 1994 bis 2020 (also über 26 Jahre!) eingefroren. D.h. im Umkehrschluss, dass die die Theater und Orchester tragenden Kommunen im Land alle Kostensteigerungen allein schultern mussten, was sie naturgemäß überfordert hat.

M-V macht's möglich: Wenn Theater "Rost" ansetzen

M-V macht’s möglich: Wenn Theater „Rost“ ansetzen

Das Ergebnis waren Auflösungen, Fusionen und Verkleinerungen der Theater und Orchester, einhergehend mit einem massiven Personalabbau. Dies alles hat das Land billigend in Kauf genommen. Es ist noch nicht lange her, da wollte man aus den verbliebenen vier Orchestern (Schwerin, Rostock, Greifswald-Stralsund und Neubrandenburg-Neustrelitz) durch erneute Fusionen ein Orchester im Westen und eines im Osten übrig lassen. Nachdem sich die Hansestadt Rostock diesen Plänen aber hartnäckig verweigert hat, bleiben die Standorte Schwerin und Rostock eigenständig bestehen. Die Mecklenburgische Staatskapelle zahlt hierfür einen hohen Preis, nämlich u.a. mit einem weiteren Abbau auf 58 Orchesterplanstellen, allerdings ohne erneute Kündigung. Auch das Volkstheater Rostock und die Norddeutsche Philharmonie sehen sich, begleitet durch Austritt der Träger GmbH aus dem kommunalen Arbeitgeberverband und dem Deutschen Bühnenverein, von der Flächentarifentwicklung abgekoppelt. Das Rostocker Orchester will aber zumindest eine Absicherung seiner Größe und der Vergütungen durch einen Haustarifvertrag erreichen. Das unsägliche Pokerspiel zwischen Land und Kommunen wurde auf die örtliche Ebene zwischen Stadt, Volkstheater GmbH und Beschäftigte verlagert.

Das Land Mäck-Pomm setzt seinen Umstrukturierungskurs, inhaltlich begleitet von der Münchner Unternehmensberatung Metrum, nun im Ostteil des Landes fort (Foto). Die Neubrandenburger Philharmonie, die mit ihrer Konzertkirche über einen überregional einzigartigen Konzertsaal verfügt, und die Philharmonie Vorpommern (Philharmonisches Orchester Greifswald-Stralsund) sollen auf 60 bzw. 38 Musiker verkleinert, fusioniert und anschließend in diesem Basisgrößen getrennt an ihren bisherigen Standorten eingesetzt werden. So jedenfalls die Planungen am Reißbrett. Dass das Zusammenführen eines Konzertorchesters mit einem Opernorchester bei Parallelbespielung eine künstlerische und inhaltliche Herausforderung ist, hat sich inzwischen herumgesprochen. Offenbar noch nicht überall. Dumm auch, dass die Standorte Neubrandenburg, Neustrelitz gegenüber Greifswald und Stralsund nicht gerade um die Ecke liegen. Im Zweifelsfall würden die Musiker mehr Zeit auf der Autobahn, als im Orchestergraben oder auf der Konzertbühne verbringen.

Die DOV hat auch diesen neuerlichen Fusion- und Abbauplänen vehement widersprochen und wird die Diskussion um den Erhalt zweier selbstständiger Orchesterstandorte in spielfähiger Größe im Südosten und Nordosten von Mecklenburg-Vorpommern auch zum Spielzeitbeginn mit Landes- und Kommunalpolitik intensiv fortführen.

Gerald Mertens

Vorabveröffentlichung eines Beitrages, der Ende August 2014 im DOVmagazin 5/2014 als „Brennpunkt“ erscheint

Orchesterabwicklungen sanieren keinen Haushalt

Endlich ist dieser Gedanke auch in den Medien angekommen: Bei ca. 8.500 Musiker/innen in den deutschen Kommunal- und Staatsorchestern gegenüber rund 2,2 Mio Beschäftigten im gesamten öffentlichen Dienst lässt sich nicht so recht etwas sparen. Weder durch geringere Gehaltsanpassungen noch durch weitere Strukturveränderungen. Das potenzielle Sanierungspotenzial ist schon rein mathematisch viel zu gering.

Dennoch werden Theater und Orchester von (zu) vielen Kommunal- und Landespolitikern immer noch gerne als „Sparbüchse“ angesehen, in der es immer noch etwas zu holen gibt. Dagegen muss man sich noch viel stärker als bisher zu Wehr setzen. Darüber muss man die verantwortlichen Abgeordneten in Kommunalparlamenten und Landtagen noch offensiver aufklären. Sprich doch mal mit „deinem“ Abgeordeten, damit „das Orchester“ und „die Musiker“ ein Gesicht bekommen und nicht nur eine reine Haushaltsnummer bleiben.

Plattmachen bringt nichts - meint auch die Staatsoperette Dewsden

Plattmachen bringt nichts – meinen auch Staatsoperette Desden und Dresdner Philharmonie (Foto: Frank Höhler)

Aktuell hat die Zeitung WELT am Sonntag das Thema aufgegriffen: http://www.welt.de/print/wams/nrw/article120664191/Orchester-als-Retter-der-Kommunen.html